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Jeschurun · 1883-03-01 · Heft 9 (1.3.1883) · p. 138

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 9 (1.3.1883)
Article
Aus den Memoiren eines Bettlers
Date
1883-03-01
Page
138 (sequence 2)
Language
German
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138 lebens, da ich noch unerfahren war und es verschmähte, die Wahrheit zu verschweigen, cntgcgengehalten. Was sollte ich machen? — Ich hieß fortan in Wirklichkeit wie mein Paß aussagtc, ich war in dem Greuzortc geboren und erzogen, den mein Legitimanouspapier angab und hatte dortselbst meine Frau und meine Kinder; und, nach der Ursache meiner Armuth befragt, so halte ich Unglück im Geschäfte gehabt, oder mein Hab und Gut war durch Brand zerstört — gleichviel — so log und betrog ich, so erschwindelte ich mir das Mitleid! Ich will mein Unrecht nicht verschweigen und nicht verkleinern; ich sündigte und sündige noch so fortwährend, und dabei weiß ich sehr wohl, daß die Lüge und Täuschung ein Gräuel ist in den Augen Gottes, der jedes trügerische Wort verabscheut — — möge er mir in seiner großen Barmherzigkeit und Güte verzeihen! Denn ich bin doch nur Staub und werde zu Asche, und meine Seele hanget an dem jammervollen Dasein, welches der Erdkloß hienicden lebt.- Mächtiger als alle Schrecknisse des Elends ist die Liebe, ist die Hoffnung! Die Liebe zu Weib und Kind, die Hoffnung, dereinst wieder in Glück mit ihnen vereinigt zu werden! Diese Liebe und diese-Hossnung haben mich aufrecht erhalten, sic haben mir das Bcttlerlcben erträglich gemacht, sie haben ntich auch lügen und betrügen in der Weise gelehrt, die ich so eben geschildert; um dieser Liebe, um dieser Hoffnung willen, Herr, zähle ich auf deine Verzeihung! Die Hoffnung! Wie reich ist des Menschen Herz, daß es zu hoffen vermag, daß es ein seliges Glück zu fassen wagt, niitten im düstersten Geschicke! Ich habe Alles verloren -- Weib, Kinder, Hcimath, Gut, Ehre, Achtung, Wahrheit — du bist mir geblieben, Hoffnung! — ich bin doch nicht ganz elend, ich vertraue auf Gott und harre seiner Hülfe! (Forrsevung folgt.) Kvenspoildciizen imb Mchrilhtcll. 2) e ui ן d) {a ub. * Hauuotrer, סיב. Februar. In unserer Gemciudc herrscht wegen der bevorstehenden Landrabbincrwähl eine ungemeine Aufregung. Wir freuen uns derselben. Bekundet sich doch darin das Interesse, welches säst sämmtliche Gemcindemitglieder an dieser hochwichtigen Angelegenheit nchmem Wir können hier nur wiederholen, was wir bereits ausführlich dargelegt haben: Wem cs wahrhaft ernst mit der Sache ist, der lasse sich nicht von untergeordneten Rücksichten leiten, der leiste alten versuchten Beeinflussungen in dieser Nichcung energisch Widerstand, der übe sein Wahlrecht dahin aus, daß ein nberzeugun gSvoller, karakterfester, im Amte erfahrener Rabbiner an die Spitze unserer Gemeinde und der beiden Landdrosteicn gestellt werde. — Die Wahl ist auf den 7. Marz angesetzt. W. LllLona, 23. Februar. Der Verein ח׳ לומדי ההורד,, vor 25 Jahren von einigen jungen unverheirathcten Männern gegründet, hat sich die Aufgabe gestellt, das Studium des GottcSgesetzes zu fördern. Zweimal in der Woche trägt der Dajan Rabbi Jakob Cohn תנ״ד ,ה׳ הלבנות ,משנה vor, während sein Kollege Herr Munk am Savbath aus ס׳עקרים lehrt. Am vergangenen Sonntag wurde zugleich mit der Jubiläumsfeier des Vereins ein ביוב auf die משנה begangen. Bis in die Nacht hinein waren die Vereins- Mitglieder in festlicher Stimmung vcrsanimclt; auch unser verehrter Rabbiner Herr Dr. Loeb wohnte der Feier an. Zur Fortsetzung des gemeinsamen Lernens wurde מסבת בבא מציא gewählt und auf diese Weise׳ die stufenweise Reihenfolge deS לימור התורה, erst מקרא, dann משנה und schließlich גמרא, beobachtet. Möge der Verein in feinem lobenswürdigen Streben fortfahren, den Geist der Thora bei seinen Mitgliedern zu pflegen. — Bei der am 2t. d. M. stattgehabten Ncpräsentantenwahl wurden die Herren M. Liepniann mib H. Heymann wiedergewühlt; an Stelle des in den Vorstand eiugetretenen Herrn E. Fleischmann wurde Herr Louis Beith gewählt. —a— Berlin, 25. Februar. Die jüngste Rede des Rektors unserer Universität, Professor Dr. Dubois- Neymond hat!licht nur Veranlassung zu einem Parlamentarischen Exkurse gegeben, auch in der Versammlung der christlich-sozialen Partei benutzte Herr Hofprcdiger Stöcker dieselbe zu — einem Ausfall auf die Juden. Er betitelte seinen Vortrag ״Der Rektor der Berliner! Universität au der Spitze seiner Brüder" und sagte u. dl: ״Nur Herr Dubois-Neyinond wagt es, an einer j solchen Stelle dem Menschen nach Darwin seinen Platz an der Seite seiner Brüder anzuweisen! (Sehr gut!) Wer sind seine'Brüder? Sind cs die Rektoren der Universitäten? Unter ihnen sind so viele christliche Männer, daß man ihn nicht an ihre Spitze stellen kann. Nun hat ja die Universität Greifswald unbegreiflicher Weise sich das Glück verschafft, einen jüdischen Rektor zu wühlen. (Pfui!) Rufen Sie nicht pfui! Ich glaube, eS war nur eine Unbesonnenheit und wird nicht wieder vorkonnncn! (Bravo!) Andernfalls müßte man Gesetze schassen, um solche Ungereimtheiten zu verhindern! Aber ein von Christen gewählter jüdischer Rektor, der sich still verhält und seines Amtes waltet — wie viel höher muß er stehen gegenüber einem Rektor, der Christ sein soll und so Etwas öffentlich auöspricht. (Stürmischer Bei-

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