Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1883)
- Article
- Aus den Memoiren eines Bettlers
- Date
- 1883-03-01
- Page
- 137 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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M 0. Jeschurun. U 137 Aus den Memoiren eines Bettlers. Mitgcthcilt von Zlapsitali Simon. I. (׳Alle 'JUctue 1:-י011ט a'tcn.) (Fortsetzung.) Der Russe ist roh aber gutmüthig; namentlich wenn er sich beim Branntwein wohl und behaglich suhlt. ״Gicb ihm zu essen und schneide den Strick los, welcher die Hände fesselt," lautete die Antwort. Ich dankte Gott, der ״die Baude der Gefesselten löst," aus tiefstem Herzen und erquickte mich an der reichlichen und kräftigen Nahrung, welche der edle Wirth mir vorsetzte. Galt es doch mich zu rüsten für den Weg zur Freiheit! Bon dem reichlich genossenen Branntwein berauscht, schliefen meine Wächter bald ein. In fieberhafter Spannung hatte ich diesen Augenblick herbeigesehut. Behutsam erhob ich mich aus meiner Ecke und schlich zur Thür hinaus. Die Furcht des Mißlingens verdoppelte meine Kraft, beschleunigte meine Schritte. Der Mond war hinter die Wolken zurückgetreleu, — ein heftiger Sturm hatte sich aufgemacht und trieb die Schneeflocken in dichtem Wirbel, — es war nicht uiöglich drei Schritte weit zu sehen. So begünstigte Gott die gesährlichc Flucht über die Grenze. Des Weges kundig, vermied ich die Grcnzerhäuscr. — Ob die vorschriftsmäßigen Patrouillen von einer Wache bis zur anderen die Grenze entlang in dieser Nacht vernachläßigt wurden, oder ob ich durch das undurchdringliche Dunkel dem Späherauge verborgen blieb — ich weiß cs nicht. Genug, ich langte nach fünfstündiger Wanderung auf dem preußischem Gebiete an. Ich war gerettet, aber welch' traurige Gegenwart umgab tnich, welch' trübe Zukunft lag vor nur! HeiniathloS, rechtlos — ein Flüchtling — arm und elend! Ich dachte nicht an niich — meine Gedanken weilten bei den Meiuigen. — Ich wußte genau, welches Geschick ihrer wartete. Des flüchtigen Schmugglers Habe wird dem Staate verfallen; inan wird des Schmugglers Weib und.Binder aus dem Hause treiben, — nackt und bloß, dem Elende preisgegcben! Die Mutter mit den Kindern, hungernd, frierend, bettelnd — der Gatte und Vater, von ihnen getrennt, uuslät und flüchtig, hungernd, frierend, bettelnd — das war das Loos von sieben Menschen, welche noch vor wenigen Stunden sich eines glücklichen, zufriedenen Daseins erfreut hatten! Das war das Rachewerk eines unvcrsöhulichen Feindes! Ich raffle mich auf — ich durfte nicht schwach werden. Bald halte ich den ersten deutschen Ort erreicht. Mitleidige. Glaubensgenossen, selber arm, nahmen sich meiner an. Man verschaffte mir einen Heimat hsschciu, welcher mich als preußischen Unterthan legitimirte. Mit diesem wichtigen Doknmcntc, meinem einzigen Neichthumc, waudcrtc ich weiter; meine Baarschaft und meine Uhr hatten die Kosacken an sich genommen. So begann ich mein Bagabondenleben. II. ' Ich bin ein Mann, der das Elend geschaut und gekostet har in den: vollen Ausmaße seines Schreckens! Und leider bin ich nicht der Einzige! Hunderte, gleich mir arm und hcimathlos, ziehen bettelnd von Ort zu Ort, von Land zu Land — planlos, ziellos! Hier Erbarmen findend, werden wir dort zürnend abgcwiesen. Als eine Landplage, als eine Pestbeule am Volkskörper werden wir betrachtet. Die Gesetze der Staaten kennzeichnen uns als Verbrecher, und als solche gelten wir -in Vieler Augen. Warum sind wir auch arm, warum haben wir keine Heimstätte — wir vagabundireudes Gesindel! Warum ist unsere Erscheinung so widrig und abstoßend! Warum ist unser Haar nicht wohl gepflegt, unsere Kleidung grotesk fetzenhast! Treten wir demüthig flehend aus, so sind wir kriechend, winselnd — treibt uns die Noth der Verzweiflung zur eindringlichen Bitte, welche sich von der ersten Abweisung nicht zurückschrecken lassen will, so sind wir trotzig, unverschämt — versuchen wir eine Schilderung unseres Elends, so lügen und betrügen wir! Der Fluch heftet sich an - unsere Ferse — wir sind die Ausgcsloßeucn, der Auswurf der Menschheit! Unsere Brüder, die Genossen unseres Glaubens — selbst auch viele derjenigen edelen, barmherzigen, mildthätigcn Menschen, die uns von ihrem Ueberslusse mitlheilen; Gottlob, deren giebt es eine ungezählte Menge! — haben neben den! Mitleid doch Verachtung gegen uns und schämen sich unser, — die Anderen empfinden für uns Ekel und Abscheu! Ach, diese Geringschätzung, dieser Widerwillen, dieser Abscheu, — sie sind schwerer zu ertragen, als Hunger und Kälte und Armuth!- Geschieht uns aber nicht recht? Sind wir nicht wirklich Betrüger und Faullenzer und Verbrecher? Führe ich nicht einen falschen Paß, trage ich nicht einen falschen Namen? Binde ich denn nicht den Leuten lauter Märchen auf? Wem kann ich denn die Ursache meiner fürchtetlichen Lage erklären, — wer würde mir glauben? ״Hättet ihr ein reines (gewissen gehabt, so solltet ihr es ruhig auf die richterliche Entscheidung ankommcn lassen. Die Unschuld .wäre an den Tag gelangt," — wurde mir in der ersten Zeit rneines Vagabunden-