Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-03-01
- Page
- 136 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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136 hoffte, zum Abcndbrod und zum Frühstück werde er wohl noch ausrcichcn. Die Sonne neigte sich zum Untergänge, der Abend nahte. Mirjam hatte gehasst, vor Einbruch der ׳Nacht ein Dorf zu erreichen, doch schon seit einer Stunde hatte sic kein Hans gesehen und vermochte auch jetzt keins zu entdecken. Die Straße wand sich schon seit einiger Zeit zwischen Getreidefeldern hin, zu beiden Seilen standen die Saaten hoch, die mochten den freien Ausblick ihr wehren. Sie beabsichtigte, bis zur vollständigen Dunkelheit weiter zu gehen, und wenn sic bis dahin keine menschliche Wohnung erreicht, so wollte sic furchtlos im Freien übernachten. Die Sommernacht war lau und utildc, sic hatte doch auch die verflossene unter freiem Himmel zugebracht, was sollte sie fürchten? Doch sie fühlte sich schon jetzt sehr ermüdet, sie mnßte vor Nacht nochmals ruhen, daun konnte sic immerhin, so lange cS hell war, noch eine Strecke wandern. Ain Rande des Feldes kauerte sie nieder und blickte träumerisch hinaus zu dem Abendhimmel, den die letzten Strahlen der sinkenden Sonne erglühen ließen. Doch sie hatte keinen Sinn für die Pracht, die ihrem Auge sich bot, ihr Blick war nach Innen gerichtet, schweifte hinüber zu den Thcuren, die sie verlassen. Ob sic ihr neues Heim schon erreicht? — Ob das Entsetzliche bereits vollbracht, ihre unschuldigen Brüder bereits dem geweiht?— Und wie die Mutter all' das Schreckliche ertragen? — Ob es sic nicht auf's Neue auf das Krankenlager werfen würde, von den! sie kaum erstanden? Und sie war nicht daheim, konnte die Theure nicht warten und pflegen; fremde Hände mußten sic bedienen. — O, es war entsetzlich! Sic schlug die Hände vor das Angesicht und heiße Thränen entstürzten ihren Augen. Da raschelte es plötzlich zwischen den Saaten, das einsame Mädchen blickte voll Schrecken auf, ein Hase sprang guerfeldein, dicht an ihrem Fuße vorüber, und fast im selben Moment siel ein Schuß. Mirjam stieß einen gellenden Schrei aus; die Schrotkörner, die den Hasen wessen sollten, hatten ihr linkes Bein verwuudct. Sie brach in ein lautes Weinen ans; das Bein schmerzte sie so heftig, daß es ihr unmöglich schien, sich vom Boden zu erheben. Was sollte nun aus ihr werden? — Einsam und verwundet, unfähig, ihre Flucht fortzusetzcn, — was konnte sie beginnen? — ״O Gott, mein Gott, hilf Du mir!" rief sie händeringend. Da stand Plötzlich, als wäre er auS dem Erdboden gewachsen, ein Mann vor ihr. ..Herrgott, Müdcrl", rief er, ״was greinst? was ist geschehen?" ״Ich kann nicht weiter", jantmerte sic, ״mein Bein ist zerschossen". (Fortsetzung folgt.) vh Äollektiv-Perichtc aus Ungarn, v. Wohl gewahren wir bei Einzelnen eine rührige Thätigkeit. Gesinnungstüchtige Rabbiner arbeiten wacker an dem Rettungswerke. So der Oberrabbincr in Papa, der mit warmer Hingebung den Zöglingen der dortigen Mittelschule den Religions-Unterricht erthcilt. — So der Oberrabbincr der orthodoxen Gemeinde zu Graß- Wardein, welcher seinen ganzen Einfluß geltend gemacht hat, um dort wieder eine konfessionelle Volksschule ins Leben zu rufen, welche auch schon seit Monaten blüht und zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Doch sind daS eben nur rühmliche Ausnahmen, welche die Regel bestärken, aber im Allgemeinen sind leider die Zustände trostlos. Wir scheu also, daß in kompetenten Kreisen die viel gepriesenen Simultanschulen arg mißkrcditirt sind, und man zicht cs vor, von zwei Nebeln das kleinere zu wählm. Man atkomodirt sich zu einem Krebsgänge und rchabilitirt den vorkongrcßlicheu Zustand. Unter dem Schmerzmsrufe זכרנו את הדגה איטר נאכל בנזצרים gründet man wieder jüdische Volksschulen und bestellt die Lehrkräfte wie ehedem aus der — ungarisch-jüdischen Landes- Lchrcr-Präparandie! Wir kommen also dahin wo wir bereits waren, und wir sinnen von Renen! nach einem Radikalmittel, um die schmerzlichen Uebclstände zu beseitigen. Wir rathen hin und rathen her und finden nichtsBesseres als die Gründung eines orthodoxen Lehrer-Seminars, in welchem berufstrcne und tüchtige Religions-Lehrer streng religiös erzogen und heraugebildet werden sollen. — Au Mitteln kam! und wird cs nicht fehlen, wem! mau nur in maßgebenden Kreisen diese Proposilion vorurtheilssrei aufnehmen und zu einigem Entgegenkommen in der Auffassung und Würdigung der Verhältnisse sich verstehen wird. — ״Wollt ihr immer weiter schweifen, Seht, das Gute liegt so nah'. —" Man wird wahrlich verstimmt, wenn man die chaotischen Zustände und Geschehnisse in Augenschein nimmt. Dort regt sich ein wohlthnendes Lüftchen, da erbeben und erzittern die ״!nächtigen Zedern des Libanon hier wnthct ein verheerender Orkan und man schaut ihm naiv lächelnd in's Antlitz. — Welches ist das Kriterium, das man anlegt, um sich für diese oder ',enc 'Lache zu echausnrcn, um gegen dies oder jones eine Phalanx zu bilden? — Wer auf diese Frage Bescheid weiß, der komme und antworte bald und offen und ehrlich!