Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-03-01
- Page
- 135 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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135 Alls der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, j (Nach einer wahren Begebenheit) Ariedrich Uott. I. (Alle Nechte vorbehaltei!.) (Fortsetzung.) Mirjam trat in's Zimmer, und während die Bauernfrau hinaus ging, das Verlangte zu holen, nestelte sie ihren Dukaten los. Mit aufrichtigem Dank nahm sie das Brod in Empfang und bot der Alten das Goldstück, indem sie sie bat, sich davon bezahlt zu machen und das Uebrige ihr zurück zu geben. ״Herr du meine Güte!" rief die ehrliche Frau, ״was Ihnen nicht einfällt, das Gold soll ich wechseln für'u Bissen Brod." ״Ich habe kein anderes Geld," flüsterte das junge Mädchen erröthcnd. ״Und ist das vielleicht Geld? — Gehen Sie, gehen Sie, das Muttcrle möcht' zanken, wenn der Dukaten fehlen thät." Bei der Erwähnung ihrer Mutter wich das vüchcln aus dem Antlitze des Kindes, Thränen füllten ihr Auge. ״Die Mutter zankt nicht," murmelte sie mit halbunterdrücktem Schluchzen. Die gutmüthige Alte, ihre Erregung mißdeutend, hielt sic für eine Waise und ward nur noch freundlicher und herzlicher. Sie bestand darauf, Mirjam müsse das Brod ohne Bezahlung nehmen und damit sie sehe, wie gern sie es ihr gebe, wolle sie noch eine Schürze voll saftiger Birnen hinznfügen. Mirjam durfte es nicht zurückweisen, und obgleich cs ihr willkommen gewesen wäre, das Goldstück in kleiner Münze zu erhalten, so sah sie doch ein, daß die Bäuerin mit dem besten Willen ihrem Wunsche nicht Hütte willfahren können. Mit wiederholtem Danke verabschiedete sie sich von der Alten, die dem lieblichen Mädchen voll inniger Theilnahme nachschaute. Mirjam schritt wieder der Kaiscrstraße zu und war froh, als sie das Dorf im Rücken hatte, denn die Strahlen der Mittagssonne sielen heiß auf ihre Stirn; die nieder» Bauernhäuser gewährten wenig Schatten, während die Heerstraße sich noch eine Strecke weit längs des Waldes hinzog und dem Wanderer selbst zur Mittagszeit kühlenden Schatten bot. Trefflich nnmdcte dem Mädchen das frugale Mahl, während sic an des Waldes Saum dahinschritt. Die Bäuerin hatte sic so reichlich versorgt, daß sie für diesen ersten Tag ihrer Wanderung vollauf genug hatte, und dabei hatte sie ihr Kapital noch nicht angctastet. ״Ich werde mit Gottes Hülfe schon gut nach B.z kommen," sprach sic sich selbst crmuthigcud; aber eine andere Schwierigkeit bot sich ihr dar. Die Bäuerin halte, nachdem sie ihrer Mutter erwähnt, nach ihrer Mutter gefragt, nach dem Namen ihres Heimalhsones und nach dem Ziele ihrer Wanderung. Mirjam war auf alle diese Fragen die Antwort schuldig geblieben, Hane ausweichend einige unverständliche Worte gemurmelt: und die theilnchmende Alte, die sie durch die Erwähnung ihrer Mutter schmerzlich berührt zu haben glaubte, hatte nicht weiter gefragt. Doch wenn nun von anderer Seite diese Fragen an sic gerichtet werden sollten, was konnte sie antworten? — Die Wahrheit? — Wissentlich hatte sie noch nie ein unwahres Wort über ihre Rippen gebracht, doch wenn sic in-ihrer gegenwärtigen Lage die Wahrheit angeben wollte, wie leicht konnte dann ihr Vater, wenn er nach ihr forschen würde, sie ermitteln und mit Gewalt zurnckführen und — sic schauderte, wenn sic dieser Möglichkeit gedachte. — Nein, nein, in diesen Verhältnissen konnte eine Lüge nicht Sünde sein und so beschloß sie denn, bevor sie B.; erreicht, über den Namen ihrer Familie und ihrer Hcimath keinerlei richtige Angaben zu machen. Sic hatte ihren Hunger gestillt imb setzte sich nun auf einen Steinhaufen, das Tischgebet zu verrichten. Nie hatte sic cs mit solch inniger Andacht gesprochen, denn noch nie hatte sie sich so unmittelbar unter Gottes Schutz gefühlt wie jetzt iu ihrer Verlassenheit. Nachdem sic es beendet, erhob sie pch und machte sich wieder auf den Weg. Das Mittagsmahl war wohl daheim auch nun vorüber, Eltern und Brüder waren sicher schon vom Tische aufgcstanden, und wie der Vater der Mutter gestern milgctheilt. stand nun vcrmuthlich die Equipage vor ihrer Thür, die sie in ihre neue Hcimath führen sollte — und zum Abfall. — Wie cs nun daheim wohl aussehcn mochte? — Ob der Vater sie suchen würde? — Ob die Mutter um sie weine? — und ihre Brüder? — ihre lieben kleinen Brüder, bei denen sic so häufig die kränkelnde Mutter vertreten —. wie mochten diese nach ihr verlangen. Nein, sie durfte das Alles sich jetzt nicht vergegenwärtigen — sie mußte stark sein. — Sie strich mit der Hand über die Stirn und schritt hastig weiter. — Die Heerstraße war heute, wohl des Sonntags wegen, ziemlich öde; selten begegnete sie anderen Wanderern, Fuhrwerken noch seltener. Das war ihr nicht angenehm, sie liebte die Einsamkeit nicht, doch sie vertröstete sich auf den konunenden Tag, da würde eS auch auf der Kaiscrstraße lebhafter sein. Der Tag schritt vor und Mirjam immer weiter; hin und wieder hatte sic wohl am Wege gesessen, um anszuruhcu, doch niemals lange. Ihr Mundvorrath hatte auch schon beträchtlich abgenommen, doch sie