Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-02-22 · Heft 8 (22.2.1883) · p. 122

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 8 (22.2.1883)
Article
Aus den Memoiren eines Bettlers
Date
1883-02-22
Page
122 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2933005-2952002--11989-2952055
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

122 mit Thec gefunden, von deren Vorhandensein ich leine Ahnung hatte. Ich horte noch den Angstschrei meines Weibes, konnte noch einen Blick auf die zu Boden sinkende Gestatt werfen — zwischen zwei reitende Kosacken, welche meine Bande mit dem Zügel der Pferde erfaßten, wurde ich in die Nacht hiuauSgcschlcift — hinweg von meinem Hause, hinweg von meinem Weibe,, von meinen Kindern! — — Gott allein weis;, was ich in dieser stunde empfunden.- Erschöpft, in schweiß gebadet, dnrsre ich nach einem einslündigen Marsche innehalten. Wir waren in dem ersten Dorfe angelangt. Meine Peiniger stiegen vom Pferde und schleppten mich mit sich in die Wirthsstubc. Der Inhaber der schenke, ein mir wohlbekannter Jude, hatte sich gerade zur Nuhe begeben wollen, als wir cinlrasen. — Er schrack zurück, da er mich in so elendem Zustande erblickte. Die Kosacken verlangten nach speise und Trank; ״Du kannst den! Schmuggler auch ein GlaS Bräuntwein geben." fügten sie hinzu, ״er bleibt uns sonst ans der straßc liegen!" ״Dein Branntwein ist ganz ausgezeichnet, er brennt wie Jener! Wo hast Du so guten stoss gekauft, Jude?" riefen die Kosacken. ..Ans der Kreisstadt bringe ich von Zeit zu Zeit das Beste mit, um so geehrte Gäste besonders gut zu bewirthcn," crwiederte der Krüger. ״Die gestrengen -Herren haben noch einen weilen!Kitt vor sich, sic sollten cS sich hier gütlich sein lassen." ״Der Jude hat recht! Wenn wir morgcit früh mit unserem Gefangenen aitkomntcn. ist cs noch zeitig. Wir wollen hier ein Paar stunden rasten." Der Wirth brachte noch ein Paar Flaschen Bräuntwein und fehle den Würfelbecher daneben. Die Kosacken würfelten und zechten. Der Wirth faß ain schenktisch und warf mir einen ermunternden Blick zu. so mochte eine stunde verflossen sein. Der starke Trunk lutd das spiel hatten die Gemüther erhitzt. ״Die -Herren haben wohl ttichts dagegen, wenn ich mich im Nebenzimmer auf die schlafbank lege," sagte der Wirth, indem er einige volle Flaschen auf den Tisch setzte. ״Wenn sic fort wollen, so können sic mich ja wecken." Als die Kosacken zustimmtcn, fügte der Jude die Frage hinzu, ob er auch dem Gefangenen einen Iubiß reichen dürfe. ^Fortsetzung folg!.) KorrchoildcilM und Nachrichtcu. Deutschland. —n. Altona, 18. Februar. Die Herren I. Bing und E. Fleischmattn fiub in den Vorstand gewählt worden. * Berlin, 15. Februar. Bon Seiten des Deutsch-Israelit. Gemeiudebundcs werden wir benachrichtigt, daß Ihre K. K. HH. der Kronprinz und die Kroitprinzessin für die gelegentlich der Silbernen-Hoch - zcitsfeier des hohen Jubelpaares gestiftete Zentral- VersicherungS- und PeitsionS-Kasse für jüdische Gemeindebcaime die Naniensführnltg: ״Friedrich-Wilhelm- Viktoria-Stiftung" geuehtuigt haben. —a— Berlin, 18. Februar. Hapke und kein Ende! Die ״Kreuzzeitung" läßt die Frage der Eidesleisrnng von einem Juristen behandeln, der scharfsinnig deduziren ncuß, daß daö christliche Selbstbcwußtscin empfindlich verletzt wird, wenn der schwörende unter Beifügung einer konfessionellen Form vor einen! jüdischeu Richter den Eid ablcgen soll. Er macht auf den Ausweg aufmerksam,, daß der Iustizmiuister den Richter anwcisc, die Eidesleistung dtirch Ablesen der-Eidesformel auf Wunsch des Schwörenden zu gestatten. Daun wirke der Richter in keiner Weise mit mib alle Bedenken seien gehoben. — -Herr Tannen auS Aurich macht bekannt, er habe seine Aeußerutlg wegen der Behandlung der Juden nur ״scherzweise" gethan. Der dabei zugegen gewesene Redakteur deS ״Ostfriesischen Volksfrcuuds" hatte allerdings diesen ,-scherz" nicht verstanden und Herrn Tannen deswegen interpellirt, worauf der Letztere erwidert, er würde einem Gesetzentwarf, durch welchen bestimmt werde, ״den Juden alle 10 Jahre das Geld abzunehmen", 'unbedingt zustimmen. -Herr Tannen versichert aber jetzt: ״Herr Dr. Plagge scheint zu glauben, daß ich eine an Blödsinn grenzende, allein gesunden Menschenverstand Hohn sprechende Ansicht ernstlich vertreten werde!" Wir möchten dem ostfriesischen Herrn LandtagSabgcordncten jedenfalls den wohlgemeinten Rath crtheilen, dergleichen ״scherze" für die Folge lieber zu unterlassen. —(*— Bremen, 10. Februar. Die hiesige syuagogengcmeindc hat beschlossen, gegen den Pastor Funke die Intervention der Staatsanwaltschaft an;!!- rufen. Wir hosscn, daß in unserm Frcistaate daö Auge des Gesetzes über den Frieden zwischen den verschiedenen Konfessionen wacht, und daß cs selbst einem Prediger an der Friedcnskirche nicht gestattet ist, denselben durch beleidigende Aeußertingen zu stören. —v— Hamburg, 19. Februar. Unter den am 16. d. M. zur halbschichtigen Erneuerung der Bürgerschaft aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.