Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1883)
- Article
- Aus den Memoiren eines Bettlers
- Date
- 1883-02-22
- Page
- 121 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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121 Aus den Memoiren eines Netklcrs. Mitgcthcilt von Zcapsjtali Kiruon. I. ('Me :Hcdne vorbei alten.) OovtK^intg.) Glückliche Tage stiller Seligkeit; Ihr werdet nicht ausgewogen durch das düstere Loos meines späteren Alters! Ihr leuchtetet mir noch in der Nacht meines Elends, ihr spendetet mir Trost in memen beiden, ihr richtetet mich auf, wenn ich in dumpser Verzweiflung zu Boden sank — Gott sei ewig dafür gepriesen! — Joseph hatte ich nicht wieder gesthen. Er war in die Landeshauptstadt gegangen und hatte dort ein Geschäft begründet. Wie man sich in unserem Orte erzählte, wäre er durch große, kühn unternommene und glücklich ausgeführte Geschäfte zu sehr reichem Besitze gelangt. Ich befand mich zur Wintcrzcit einige Wochen in der Kreisstadt. Ich hatte dorthin Waaren zum Verkaufe gebracht und beabsichtigte, dagegen andere einzukanfen. Meine Geschäfte hatten sich zn meiner Zufriedenheit erledigt. Ich hatte gute Muser gesunden und die Gelegenheit wahrgcnommen, größere Quantitäten billiger Waaren zu erwerben. Mit hoch bepacktem Frachttragen trat ich wohlgemut!) die Heimreije au. Bi ein Heimathsort besitzt keine Postexpedition; dieselbe wird von dem wenige Meilen ensfernt liegenden Flecken besorgt. Ich mußte hier eine Kieze Weile in abendlicher Stunde rasten und begab mich deshalb zum Postburcau, um nach Briefen für mich zu fragen. Es waren deren einige von Geschüflssrenndrn vorhanden, aber auch ein Schreiben ans der fer!!-.׳n Hauptstadt, wo ich gar keine Beziehung in Geschäften PUre. Trotzdem kam mir die Schrift der Adresse sehr bekannt vor; sic trug dieselben Züge, welche Josephs Buchstaben kennzeichneten. Ich hatte mich nicht geirrt. Der Brief war von ihm und lautete folgendermaßen: ,.Ich habe Deiner und Hanna's stets gedacht. Ein Zeichen nteiuer Freundschaft soll Euch nächstens znkommcn. Joseph." Was war das? Was sollte diese Surze höhnische Mittheilung? Was führte Joseph im -Schilde? Mich erfaßte eine unbeschreibliche Angst. Die letzten längst vergessenen Worte meines ehemaligen Genossen, seine haßerfüllten Verwünschungen traten lebhxst vor meine Seele. Ich zitterte für Weib und Kinder. — In düsterer Stimmung schritt ich neben meinem Wagen einher. Es wollte mir nicht gelingen derselben Herr zu werden, so oft ich mir amd) verstellte, daß es eigentlid) lächerlich sei, sid) wegen des Inhalts jener Zeilen zu beunruhigen. Aber gerade die unbe- I stitnmte Gefahr hält des Menschen Seele öfters in stärkeren Banden, als das Unglück, welches wir her- - einbrechen sehen. Der Vollmond entsendete sein bleiches Lid)t auf die schneebedeckte Dorsgasse, als ich vor meinein Hause anlangte. Hanna war hcrausgetrcten, um mich zu begrüßen. Aber kaum hatte ich mid) ihr genähert, als ich eine derbe Faust im Nacken fühlte und den Rits: ״Verdammter Jude! Schmuggler! Endlich bist Du da! Du hast uns lange in der kalten Nacht warten lassen!" vernahm. imi sah mid) von drei Ko sacken umgeben, wcld)e sid) meiner und meines Knechts bemächtigten. ״Was legt man mir zur Last?" wandte ich mich an den Unteroffizier. ״Ich bin mir keines Unrechts bewußt." ״Das wird sich finden," war die Antwort. ״Was hast Du auf dem Wagen? Gixb cs genau an und vergiß nichts!" Ich zog!nein Taschenbuch hervor und nannte alle Waaren, welche id) eingekaufr hatte. ״Und weiter hast Du nichts?"- lautete die drohende Frage. Ich versicherte, alles angegeben zn haben. Die Waaren wurden nach und nach abgeladen und von den Kosacken genau untersucht. Meine Frau bebte vor Angst und Schrecken; id) sraud von ihr entfernt unter strenger Bewachung und flehte zu Gott, daß diese grause Stunde ohne Folgen an uns vorüberziehen möge. Wenn id) auch mein Gewissen frei von jeder Schuld wußte, so war mir doch nid)t unbekannt, mit wcld)c׳r rohen Willkür oft verfahren wurde, und daß der leiseste Schein eines Verdachtes eine Vernrtheilnng ünnachsichtlich herbeiführen würde. Ich wohnte nicht sehr entfernt von der Grenze; die nngemessene Hohe des Eingangszolles ans fremde Waaren reizte zum Sd)mnggel, welcher in ausgedehnter Weise unter Theilnahmc der Anfsichtsbcaintcn fortwährend betrieben wurde. Ich hatte mich niemals an solchem betheiligt. Dennoch zitterte ich. Sollte hier eine Ver- Wechselung vorlicgen, oder sollte id) fälschlich dcnunzirt worden sein? Der heute cingetrofsenc Brief Josephs — —; eine schreckliche Ahnung dämmerte in mir auf — —־ 0 gewiß, das wäre das teuflischste Nachewcrk, aber er iväre dessen fähig!- Id) flehte heiß und innig. ---■ —Gott aber hatte Unglück über mid)Beschlossen, — die That der Bosheit sollte gelingen! — — Ein furchtbarer Schlag streckte mid) zu Boden, — eine Anzahl wuchtiger Hiebe folgte; man riß nrich empor und fesselte mir die Hände. Man hatte aus meinem Wagen eine kleine Kiste