Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1883)
- Article
- Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
- Date
- 1883-02-15
- Page
- 103 (sequence 3)
- Language
- German
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103 thümlich sei. Wenn auch Juden von dieser Krankheit! ergriffen sein sollten, was wir keineswegs in Abrede : zu nehmen gewillt sind, so sind es eben nur Individuen ■ semitischer Abstammung, welche derselben zum Opfer j gefallen sind, wie es auch Individuen arischer Nacc ' giebt, die dasselbe Schicksal thcilcn. So wenig diese ״Sucht" den Deutschen allein anhaftet, da Franzosen, Engländer, Amerikaner u. s. w. ebenfalls daran leiden, so wenig sind die deutschen Juden die Einzigen, bei welchen diese Krankheit zu Tage tritt. Wir möchten diese Behauptung durch ein Beispiel bekräftigen. Unter, allen Veranstaltungen, welche dieser Sucht nach mühelosem, schnellem Neichthumseruurb Vorschub leisten, ist keine so prägnant, wie das Lotteriespiel. Die Veranstalter von Lotterien sind keine Juden. Die Staatsrcgierungen von Preußen, Sachsen, Braunschweig und Hamburg haben Lotterien in großem, ausgedehntem Maße eingerichtet und die Privatlottericn, welche von den Landesbehörden genehmigt werden, sind hervorgernfcn von den verschiedensten Körperschäften zu mannigfaltigsten Zwecken, nicht von Juden. Und Diejenigen, welche ״aus Sucht nach mühelosem, schnellem Neichthum" in diesen Lotterien spielen, sind zum allergrößten Theite keine Juden. Von dem armen Handarbeiter bis zum höchsten Würdenträger hinauf opfern Hundcrttausende christlicher Deutscher auf dem Altar der Glücksgöttin, in der Hoffnung, ohne Arbeit, ohne Mühe, über Nacht ״das große Loos" zu erlangen. (Fortsetzung folgt.) Ans der ersten Hälfte nnseres Jahrhiuiderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Kriedrich Zlott. I. (Alle Ncchte vorbehciltcn.) (Fortsetzung.) Unter dem Fettster stand eine niedere Truhe, in der sich die wenigen Habseligkeiten befanden, die sie ihr eigen nannte. Leise trat sic hin und hob den Deckel. Obenauf lag ihr größter Schatz, ein blanker Henkeldukaten an schwarzem Seidenbande, den die Mutter ihr zu ihrem fünfzehnten Geburtstage bescheert. Hastig griff sie nach dem Goldstück und befestigte es mit dem Bande an ihren Hals. Dann breitete sie ein Tuch auf dem Fußboden aus, räumte einige Wüsche hinein und formte ein ziemlich kleines Bündel daraus. — Doch sie öffnete cs wieder, noch bevor sie es an sich nahm, — was hatte sie vergessen? — Ah, richtig, jenes Gebetbuch dort auf dem Sessel vor dem Bette, aus dem sie das Nachtgebet verrichtet. -- Sie nahm daS Buch, drückte es an ihre Lippen und legte es dann zu oberst in ihr Päckchen. Dann schlang sie ein mäßig großes Wolltuch um Kopf und Schulter, nahm ihr Bündel, schloß die Truhe wieder und stieg hinauf. Was wollte sie beginnen? — abermals schien sie zu überlegen. Dann schob sie nicht ohne Anstrengung den Niegcl zurück, öffnete das Fenster und lehnte hinaus. Leise säuselnd urnfächelte der Nachtwind ihr vor Erregung glühendes Antlitz, — jetzt streiften kühle Blätter ihre heißen Wangen, als wollten sie sie streicheln. Ein frnchtbcladener Birnbaum beschattete die eine Hülste ihres Fensters, und siehe da, sie hatte sich nicht getäuscht; an dem Zweig, der dem Fenster zunächst, lehnte noch die Gartenleiter, die die Magd angesetzt hatte, um mit dem saftigen Obst sich zu versorgen. DaS Herz des Kindes pochte überlaut; unschwer konnte sie daS Elternhaus verlassen, ungehindert konnte sie entfliehen. — Doch wohin? — großer Gott! wohin? — In namenloser Angst rang sie die Hände. — Da vernahm sie abermals des unruhig träumenden Vaters Stimme: ״Knie, Marie! — knie!" Entschlossen faßte Mirjam den Zweig mit beiden Händen, schloß die Augen, daß kein Schwindel sie gefährdc und schwang sich muthig hinaus. Und cs war ihr gelangen, sie hatte die obere Stufe der Leiter erreicht, und wie ein gescheuchtes Eichkätzchcn eilte sie hinunter. ״Auf Deine Hülse hoffe ich, o Gott! — Ich hoffe, 0 Gott! auf Deine Hülfe! — O Gott! auf Deine Hülfe hoffe ich!" Und glücklich hatte ihr Fuß den Erdboden erreicht. Sie eilte zu dem Hotzgittcr, das den (Zarten umschloß. — gerade au jener Seite, die der Kaiserstraße zunächst, waren einige Latten locker. — Mirjam hatte es schon vor einigen Tagen bemerkt. Dorthin wandte sie ihre leichten Schritte, schob mühelos die Bretter zurück und zwängte ihre schmale Gestalt hindurch. Und nun hieß cs weiter eilen. Einen Moment noch zögerte sie. — ״Mutter! Mutter!" flüsterte sie und streckte verlangend die Arme ans, während ein Strom von Thrünen ihren Augen entstürzte. — Doch sic hatte sich rasch gefaßt. Sie drückte ihr Antlitz an das Bündel, das an ihren! Arme hing, um es zu trocknen und eilte fort. Leicht übersprang sie den schmalen Graben, der das Gartengitter von der Heerstraße trennte, und fort ging es in schnellem Lauf. Die kurze Sommernacht war bald zu Ende; der Kirchthnrm ihres Heimathstüdtchens war ihren Blicken noch nicht entschwunden, als der Morgen graute und ein kühler, scharfer Luftzug sich erhob. Mirjam, in ihrem schnellen Lauf, gewahrte es kaum. Die Hast, mit der sie weiter eilte, machte ihr in dieser ersten halben Stunde sogar das Denken fast unmöglich, und das empfand sie nahezu als Wohlthat. Wohl pochte