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Jeschurun · 1883-02-15 · Heft 7 (15.2.1883) · p. 102

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 7 (15.2.1883)
Article
Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
Date
1883-02-15
Page
102 (sequence 2)
Language
German
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imb die Bekenner der einen Religion sich zum Richter über den andern Stamm und die anderen NeligionSdckenner anfwerfen wollten, um an der Hand der Verbrecherstatistik den Beweis zu fuhren, daß, weil dieser oder jener Stamm, diese oder jene Konfession zu diesem oder jenem Vergehen ein größeres Kontingent stellte, ein gewisser Stamm oder eine bestimmte RcligionSgcmeinschaft als minderwcrthig von dem Genüsse der Gleichbercchtigung auszuschlicßcn wären? Wohin würde das deutsche Reich gcrathen, wenn der Masure den Alemannen, der Franke den Friesen, der Katholik den Lutheraner also abschätzen und nach dem Resultate dieser Schätzung ihm den Anspruch auf den Vollbesitz der Allen gewährleisteten Rechte streitig machen wollte? Im Ucbrigcn aber können die deutschen Inden dem Ergebnisse einer, nach Stammen und Neligionsgcmeinschaften geordneten Statistik über die Verbrechen und Vergehen ruhigen Sinnes cutgcgcnschauen; — das Durchschnittsvcrhältniß wird für sie nicht ungünstig ausfallen. Die Behauptung ist nicht zu kühn, daß die deutschen Juden den Vergleich mit ihren Mitbürgern auSzuhaltcn vermögen. Man sollte doch endlich den letzten Nest mittelaltcrlichcr Barbarei zu überwinden im Stande sein, welchem die judcufeindlichcn Bestrebungen der Gegenwart entspringen. Es solltcdoch endlich Niemand mchr dcnWunsch hegen, cincganzeRcihcseinerMitbürgerauostoßcnzu wollen. Der Tag, wo der gesunde?Menschenverstand über das Vornrtheil. das Rcchtsbewußtsein über die Gewalt, die Liebe über den Haß den Sieg erringen, sollte nicht erst von der Zukunft, von lichteren besseren Zeiten zu erhoffen sein! ES ist indessen leider anzunehmen, daß dieser Tag noch nicht so bald Heraufziehen wird. Selbst auS dem Munde Derjenigen, welche diesen judcnfeindlichen Bestrebnngen cutgegcntretcn, ftamincti Kundgebungen, welche den Beweis liefern, daß auch geistig und sittlich hochstehende Männer das alte Vornrtheil noch immer nicht ganz zu überwinden vermochten, und daß auch bei ihnen noch nicht die NcchtSanschannng, welche nicht nur dem Unschuldigen keinen Schaden thütlich zufügen läßt, sondern auch in dem Urthcilc über Andere eine völlig unparthciische Gesinnung sich zu bewahren weiß, ganz zur Geltung kommen konnte. Wie auf einem Isolirschemel befinden sich die Inden; Haß und Vornrtheil entsenden auf sie ihre Schläge. Ihr ganzes Wesen wird davon ergriffen. Ein Jeder, der sich ihnen nähert, zieht einen Funken aus ihnen hervor. Nur wenige sind eS, welche der Iudcnfrage gegenüber wirklich unbefangen und gerecht zu bleiben vcrmögen. Die meisten Freunde glauben die Abweisung der antisemitischen Forderungen mit der Formel einleiten zu müssen׳ Obgleich nicht zu leugnen, daß die Juden diesen oder jenen Fehler besitzen, so erklären wir dennoch die Schmälerung der Rechte der Juden für unrecht u. s. w. Man könnte in derselben Weise auch sagen: Obgleich unter den Deutschen dieser oder jener Fehler auzutrefsen ist, so können sic dennoch Richter, Lehrer und Minister werden, oder: obgleich die Deutschen keine Engel sind, so wäre cS unrecht, wenn man sie bedrücken wollte! Wir möchten allen Ernstes die Frage stellen, aus welchen Nechtstitel man sich stützen kann, um einem anderen, als dem eigenen Volksstamme z. B. den Bor- Wurf zu machen, daß er nach Reicht hum, nach Ehrenstellen und Ansehen strebe? ״WaS sichest du den Splitter in deines BrnderS Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge; — darum, 0 Mensch, kannst du dich nicht cntjchuld'igcn, wer du bist, der da richtet: denn worinnen du einen Anderen richtest, verdainmst dn dich selbst, sintemal du dasselbe thust, das du richtest." (Math. 7, 3. Nöm. 2, I.) Also lehrt die christliche Moral; und sollte die nicht auch von deutschen Christen in Bezug auf deutsche Inden Anwendung finden müssen? Giebt eS denn irgend einen Stamm unter den deutschen Stämmen, eine Religionsgemeinschaft unter den in Deutschland bestehenden Religionsgemeinschaften, gegen deren Augehörigeman nicht dasselbe Vorbringen könnte? Kann irgend eine Körperschaft sich rühmen, daß ihre Mitglieder so ideal denken, fühlen und handeln, daß sie nicht nach Neichthnm und äußerer Ehre streben? Wenn die Juden ebenfalls gegen die Reize des NcichthumS und der Ehrenstellen nicht unempfindlich sind, so kann nian wahrlich den gestrengen Richtern zurufen: ״Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!" (Joh. 8, 7.) ״Die Sucht nach schnellem Neichthum" ist mit?Lichten das Karaktcristische der Juden im heutigen Deutschland. Wenn in Deutschland diese Krankheit in der Thal gegenwärtig hänsiger als sonst auftreten sollte, so müßte doch ein aufmcrksamcs Auge erkennen, daß dieselbe hier nicht endemisch erscheinen kann, daß sie vielmehr epidemisch anftritt; denn nicht Deutschland allein, sondern auch andere Länder zeigen die gleichen Symptome, aus welchen die Diagnostik diese Krankhcitssorm zu eruiren glaubt. Ein erfahrener, weitschauender und tiefblickender Patholog dürfte vielleicht hier eine EntwickelungSkrankhcit erkennen, hervorgernfen durch die rapide Umgestaltung mancher vitalen politischcn, sozialen und ökonomischen Verhältnisse!in OrganiSmnS der zivilisirten Welt. Wie dem aber auch sei; jedenfalls läßt sich mit vollem Rechte bestreiten, daß diese Sucht dem heutigen jüdischen Deutschen eigen-

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