Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1883)
- Article
- Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
- Date
- 1883-02-08
- Page
- 90 (sequence 2)
- Language
- German
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aiäbann rchabilitirt? Wäre atebamt der Staat gerettet? Die Taufe wäre eine Prämie für den jüdischen Güterschlächter? Wer möchte ein solch frivoles Spiel mit dem Hciligthume des Menschen, mit seinen! religiösen Bekemumß treiben! Ist cs euch Ernst mit eurer Behauptung, glaubt ihr in der That, die Gesellschaft durch Wucher, Börsenspicl und Gütcrausschlachtung gesährdet, ei, so erklärt doch den Wucherer, den Spekulanten und den Gütcrhändlcr — wenn ihr solches für nöthig haltet — in die Acht und nehmt ihnen die werthvollstcn Rechte des Bürgers, aber lasset die Religion und das Belenntniß aus dem Spiele. Die Religion hat mit allem diesen nicht das Mnidestc zu thuu. Ob der Jude oder der Ehrist sich in unehrenhafter Weise auf Kosten und zun! Schaden seiner Mitbürger bereichert, das sollte doch gleich gelten. Bevor der Richter die Strafe über einen Angeklagten verhängt, sucht er sorgfältig alle Momente, welche für dessen Schuld sprechen, zu ergründen und zu erwägen, damit kein Unschuldiger seinem Urtheil verfällt, — ihr aber verlangt die Ehrtoserklürung einer ganzen großen Zahl eurer ebenbürtigen und gleichberechtigten Mitbürger; ihr fordert deren Ausschluß von den wichtigsten Rechten, weil vielleicht — nein, weil ganz gewiß — unter den Wucherern und Spekulanten auch sich Männer befinden, welche mit ihnen das religiöse Bekenntniß geniein haben! ׳Rur dann, wenn Wucherer, Schwindler, Güterschlächter Begriffe wären, welche sich vollständig mit dem Begriffe ״Jude" deckten — und das würde der Fall sein, wenn alle Juden Wucherer, Schwindler und Güterschlächter wären und alle Wucherer, Schwindler und Güterschlächter sich zur jüdischen Religion bekennten — nur dann könnte inan der Kürze halber, wegen der behaupteten Gemeingefährlichkeit dieser Hanthicrnngen, von dem Ausschluß der Juden schlechthin sprechen. Solange es aber auch nur einen deutschen Juden giebt, welcher von diesem Makel frei ist, und so lange es auch nur einen deutschen Christen giebt, auf welchen dieser Makel fällt, so lange ist es ein Verbrechen an dem gesunden Menschenverstand, au dem Gerechtigkeitsgefühl und dem Bidcrsinn des deutschen Volkes, eine Beschränkung der jüdischen Deutschen zu fordern, weil auch deutsche Wucherer, Schwindler und Güterschlächter jüdischen Bekenntnisses existiren. Muß es ausgesprochen werden, daß beide Voraus-- sctzungcn nicht zutrcssen? Leben nicht an allen Orten unseres deutschen Vaterlandes Deutsche jüdischen Be» kenutnisscs, welche wegen ihrer Rechtschaffenheit und ihres Edelsinns der höchsten Achtung würdig sind? Giebt es keine deutschen Gewerbetreibende, Gelehrte, Künstler und Staatsmänner jüdischen Bekenntnisses, welche dem deutschen Volke zur Ehre gereichen? Und andererseits — haben die Lehren des Christenthums bereits also!nächtig veredelnd gewirkt, daß kein deutscher Verbrecher christlichen Bekenntnisses angetroffen werden könnte? Ein Schrei des Entsetzens geht durch die Welt, wenn in außereuropäischen Staaten die Europäer, wenn in außerdcutschen Ländern die Deutschen summarisch angefeindet und bedroht werden; — und hier erheben Deutsche gegen Deutsche ihre Stinune und verlangen die Inachterklärung Deutscher! Wagen christliche Deutsche ihren Mitbürgern, den jüdischen Deutschen, die Solidarität für das Vergehen des- Einzelnen aufzubürdcn — so mögen sie doch die gleiche Gesammtbürgschaft auch für ihre Glaubensgenossen übernehmen und das Recht anerkennen, wegen der Verbrechen der einzelnen deutschen Christen die Gesammtheit der christlichen Deutschen verantwortlich zu inachen in deinjenigen Umfange, wie sie solches ihren jüdischen Mitbürgern gegenüber planen. So lange sie sich dessen weigern, so lange ist ihr Verlangen gerichtet; sie selber brechen über sich den Stab. (FoNsetznng folgt.) KvrrcsMdciizcu mib Nachrichten. Deutschland. M. Berlin, 2. Februar. Mir wird mitgetheilt, daß Herr Hosprcdiger Stöcker in der jüngsten Partei- Versammlung crnstlichst davon abgerathcn haben soll, die Eidcsableguug vor einem jüdischen Richter zu verweigern. Mau solle sich damit begnügen, durch Hinzufügung einer entsprechenden Formel den christlichen Standpunkt zu betonen. Uebrigeus habe man sich zu freuen, daß Herr Hapke den Anstoß zur Erledigung der jüdischen Richter-Frage gegeben. — Der deutschkonservative Verein zu Elbing soll dem Herrn von Minuigerode eine Erklärung übersandt haben, in welcher verlangt wird, daß fernerhin keine Juden zum Richlcramt zugelassen werden dürfen. —a— Berlin, 4. Februar. Der Abgeordnete Richter meinte kürzlich, es sei doch cigcnthümlich, daß von streng kirchlicher und hochkonservativer Seite auf die koufcssionette Färbung der Eidesformel jetzt ein so großes Gewicht gelegt werde, während die Juden sich seinerzeit alle erdenkliche Mühe gegeben, den ihnen von der damaligen Gesetzgebung aufoktroirteu eigenthümlichen jüdisch ׳ koufcssionctlcu Eid los zu werden. ״Was die Juden als beleidigend von sich abgewiesen haben, das führt die Gesellschaft Stöcker-Hapke als für sie ehrenvoll wieder ein," meinte er unter der lauten Heiterkeit seiner Zuhörer. Was uns Juden