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Jeschurun · 1883-02-08 · Heft 6 (8.2.1883) · p. 89

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 6 (8.2.1883)
Article
Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
Date
1883-02-08
Page
89 (sequence 1)
Language
German
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Jeschururi. 89 M 6. SetmAungea Wer die Wmfruge iu Dentschlimd. VI. Müssen wir uns auf das Nachgewieseuc beschränken? Müssen wir uns ein Genüge sein lassen, dargethan zu haben, daß es eitel Wahn unb Luge sei, wenn man vorgebcn will, der Messiasglaube verhindere die Juden, ihrer Pflicht gegen den Staat im vollsten Umfange durch That und Gesinnung zu entsprechen? Dürfen wir nicht noch weiter gehen und aus innerster Ueberzeugung die Behauptung aufslctten: der Messiasglaube der Inden ist eines der werthvollsten Angebinde, welches die Inden als ihren Beitrag zu dem deutschen Volksgeiste spenden? Wenn derselbe in seiner Tiefe, seinem Ernste und seiner Kraft sich immer gewaltiger zn entfalten strebt, wenn auch er ringt, eine Gestaltung der meuschengcsettschaftlichen Verhältnisse herbeizuführen, in welcher die Prinzipien des Rechts und der Liebe einen immer reineren Ausdruck finden, und durch welche deS Jammers und des Elends immer weniger wird auf Erden; — wenn auch im deutschen Volke hohe, edle Männer den Gedanken fassen, an der Verbrüderung der Menschheit, an dein Aushören der Kriege mitzuwirken; — wenn die Idee der Vervollkommnung der Menschen und der Zustände auch unter den Deutschen immer tiefer Wurzel saßt; — sollte da nicht die von den jüdischen Deutschen gehegte und gepflegte Messiasidee mit beigetragen haben? Was dort in dein dunkeln Gebiete des Ahnens und Sehucns weilt, das ist hier Zur festen positiven Bestimmtheit längst erhoben worden; dafür lebt und strebt und hofft in seiner ihm cigenthümlichen Weise ein Mcnschenkrcis seit Jahrhunderten. Welches staubgeborene Auge vermag den Gängen naehzusorschen, auf welchen! eine Idee sich die Gemüther erobert; — wer aber wagt cs zu leugnen, daß unscheinbar und leise ein Zusammenhang zwischen den Geistern besteht? Wer vermag in Abrede zu nehmen, daß jeder wahre Gedanke, der in irgend einem Menschenkreise eine Stätte gefunden, nach und nach, wenn auch langsam, immer weitere Kreise sich zn gewinnen weiß, bis er Gemeingut der Menschheit geworden? Also arbeitet auch die Mcssiasidee an dem Geiste der Völker bis der heute noch als Traum edler Schwärmer belächelte Gedanke eines allgemeinen Weltfriedens, einer Welt ohne Kerker und Krieg, einer Welt ohne Seufzer und Klage zur Wirklichkeit geworden sein wird, — bis cs keine ״Jndenfragc" mehr giebt. Heute aber haben wir uns leider mit einer solchen noch zu beschäftigen und wenden uns jetzt einem anderen, von den sogenannten Antisemiten vorgcbrachten Argumcnte zu. Wenn alle bisher von unseren Gegnern vorgcbrachten Momente als widerlegt gelten könnten, so meinen die Herren dennoch einen Punkt gefunden zu haben, an welchen sic den Hebel anfetzen können, um die Juden aus ihrer gleichberechtigten Stellung in! deutschen Reiche hinauszuheben. Sie weisen nämlich auf gewisse soziale Schädigurigen hin, welche angeblich den Juden ausschließlich oder doch zum allergrößten Theile zuzuschreiben seien, wie Börsenspiel, Wucher, Gnterschlüchterei u. s. w. Wunderbarer Weise ziehen sie aber aus diesen vorgeblichen Thatsachen nicht diejenigcu Schlüsse, welche sich daraus ergeben würden. Zugegeben, der Staat müßte zum Schutze seiner Bürger gerade den von jüdischer Seite betriebenen Börsenspiel, Wucher und Güterparzellirungen in! Wege der Gesetzgebnug oder Verordnung einen Damm entgegensetzen, — was würde er zn thun haben, wenn er in drakonischer Weise cinschreiten wollte? Er müßte den jüdischen Börsenspekulanten henken, den jüdischen Wucherer köpfen, den jüdischen Güterschlüchtcr pfählen lassen, das wäre doch jedenfalls konsequent und sicherlich ein radikales Mittel. Statt dessen aber verlangt z. B. die bekannte Petition, welche, für das Ohr der höchsten Spitze der Regierung bestimmt, überallhin, an alle Magistrate, Schulzen und Bürger zur beistimmcnden Erklärung versendet wurde, den Ausschluß der Juden von obrigkcitlichen Stellungen, den! Richter- und schrämte. Als ob es eine erwiesene Thatsachc wäre, daß jüdische Stadtrüthe und Stadtverordnete sich vorzugsweise mit Wucher beschäftigten, jüdische Richter mit besonderer Vorliebe Ländereischacher betrieben und diejüdischenLehrer den! Börsenspiel gefröhut hätten! Dieses ist aber in keiner Weise behauptet worden und konnte nicht behauptet werden, weil eine solche Behauptung zu offenkundig mit den von jedermann zu kontrollireuden Thatsachen in! Widerspruch stehen würde. Die Konklusion steht deshalb in gar keinen! Zusammenhang mit der Prämisse, und der Vorwand für die verlangte Beschränkung der Inden in der angedentcten Richtung erscheint in seiner totalen Hinfälligkeit. Aber selbst angcnonnnen, cs würden auch Stadträthe, Richter und Lehrer jüdischen Bekenntnisses sich den erwähnten Vergehen oder gemeinschädlichen Geschäften gewidmet haben, oder, um die Frage auf das allgemcinste Gebiet anszudchmn, Juden bctheiligten sich an den! Wucher, Güterschachcr und Aörscnschwindel, wie ließe sich hieraus die Forderung nach einer Beschränkuug der allen Staatsbürgern znstehendeu Rechte für die Juden rechtfertigen? Giebt cs denn keine christlichen Wucherer und Börsenspekulanten? Und wenn nun der jüdische Wucherer sich taufen ließe, wäre er

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