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Jeschurun · 1883-02-01 · Heft 5 (1.2.1883) · p. 73

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 5 (1.2.1883)
Article
Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
Date
1883-02-01
Page
73 (sequence 1)
Language
German
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Jesch»r»n. M S. §ttracht!mgtu über die Iudeilfrage in DeMiand. Y. Und legen wir uns die Frage vor: wie war cs möglich und ist eS möglich, daß dieses NcligionSgesctz von der unbedingten Treue und Vaterlandsliebe von den Inden unwandelbar befolgt werden konnte und befolgt werden kann, Angesichts des grauenvollen Jammers und der schrecklichen Verfolgung, welche die Juden während der Dauer von Jahrhunderten zu erdulden hatten und theilweise noch zu erdulden haben, — wie war cs möglich, daß sie ruhig duldeten und dulden und keiner Regung des Hasses und der Lieblosigkeit sich Hingaben, — wie war es möglich, daß sie in ihrer Treue und ihrer Vaterlandsliebe nicht wankten?-so giebt cs hierauf nur die Antwort: Der messianischc Glaube, die unerschütterliche Hoffnung auf den Messias haben dieses größte aller Wunder vollbracht. Denn dieser Glaube und diese Hoffnung erweiterten der Juden Blick, hoben sie weit empor über den Jammer und das Elend der thräncnreichen, blutgetränkten Gegenwart und gewährten ihnen nicht nur Mnth und Trost, sondern auch jene milde Heiterkeit, jene wahrhafte Scelengröße, vor welcher alles irdisehe Leid seinen Schrecken und seine Qualen vertiert. Unter dem Einflüsse dieses Glaubens und dieser Hoffnung vermochten es die Inden, trotz der widrigsten äußeren Verhältnisse, sich die Herzensreinheit und den Seelenfrieden zu bewahren und heiter und glücklich zu sein. Dieser Glaube und diese Hoffnung befähigten sie, treue Söhne des Vaterlandes zu bleiben und demselben gute Bürger und loyale Unterthanen zu erziehen. Dieser Glaube und diese Hoffnung ließen sie menschlich empfinden, trotz der Grausanckeiten, die ihnen zu Theil . wurden, und milde und barmherzig zu sein gegen jeden ihrer Mitbürger, so daß Niemand ihren Beistand, ihre Hülfe, ihr Mitgefühl vergebens anrief. Sollen wir uns nicht diesen Glauben und diese Hoffnung, welche so Herrliches bewirkt, des Nähern betrachten? Wir haben gezeigt, wie nichtig und unbegründet der von unseren Gegnern ausgestellte Satz der Unvcrcinbarkeit des Messiasglauben der Juden mit deren deutschen Vaterlandsliebe sei, und wie derselbe von der Geschichte und dem jüdischen Religionsgcsctze Lügen gestraft werde — und wir haben dagegen behauptet, daß gerade der Messiaöglanbe es sei, welcher die unwandelbare Treue und Liebe ״gegen König und Vaterland" bei dem jüdischen Stamme gepflegt und gefördert habe. Denn das zuversichtliche Vertrauen aus die Wahrheit degöttlichen Wortes, welches von MoscS bis zu Malcachi der Mund der Propheten verkündet, - daß endlich die Zeit hcreinbrcchcn werde, wo das Unrecht und die Lüge ans dem Mcnschcnkreisc geschwunden und die Ancrkcnnung Gottes als Herrn und Königs in jeder Menschenbrust lebendig geworden, in welcher Israels Mission an die Menschheit ihren vorläufigen Abschluß gesunden und cs heimkehrcn werde zu dem Lande seiner Ahnen, zu der Statte des wicdcrcrrichtetcn Heiligthums — bewirke ein Zwiefaches. Zunächst die Erlenntniß, daß das Leid, wcläjcs Israel traf, ein Gotlcsverhängnis; war. Derselbe Mund, welcher die cndliche Erlösung verkündete, hatte auch das traurige Geschick längst vorher angckündigt, und zwar angekündigt als die Folge der Verirrung des jüdischen Volks, sobald es seiner einzigen heiligen Bestimmung vergessen würde. In dem furchtbarsten Martyrium, welches er erduldete, erblickte der Jude nur die Verwirklichung der alten göttlichen Mahnung und Warnung, und er beugte sein Haupt vor der Waltnng Gottes. Die wilden Horden, welche sengend und mordend in seine. friedliche enge Gasse einbrachcn; die.Buben, welche ihm ״Jnd' mach' MoreS" und ״Hcp, Hcp" höhnend nachriefen; die ernsten Nathshcrren, welche ihn für ״ehrliches Gewerbe und Hanthicrung" unwürdig erklärten; die Fürsten, welche ihn mit Schoß und Zoll belasteten; die Kaiser, welche ihn zu Pfand setzten und veräußerten — sie Alte galten ihm als Irrende, Wahnbethörtc, als Werkzeug in der Hand Gottes, Sein Wort an ihn: in Erfüllung zu, bringen. Und diese Vorstellung ließ keinen Haß und keine Feindseligkeit in seinem Busen anflodern; er bcmitleidete die rohen Bauden, die einfältigen Knaben, die verblendeten Magistrate, die unerlcuchteten Fürsten und nahm Tod und Verwüstung, Hohn und Spott willig hin und zahlte Judenstencr und Jndcnzchnt. Er blieb das Opfer und kannte keine Hcnkerslust; er betete für das Wohl und das Hei! seiner Dränger, Verfolger und Mörder. Denn der ״Messiasglaube" hatte in seinem-Herzen die herrlichste, trostreichste Zuverficht feste Wurzel schlagen lassen, daß der trübsten Gegenwart eine unendlich schöne Zukunft folgen werde. Wie ihm die traurige, schinerzmsrcichc Gegenwart längst enthüllt gewesen, als er noch ans dem Boden seiner Väter glücklich und mächtig weilte, also lag die herrlichste Zukunft in der unaussprechlich beseligenden Fülle von Erhabenheit und beglückendem Frieden deutlich vor seinem entzückten Auge. Die Jammergestalt des duldenden, verhöhnten und verfolgten, nirgends Ruhe findenden ewigen Juden ist nicht die Erscheinung in welcher Israel dauernd in Mitten seiner Brüder dastchen wird; in der Erniedrigung und Schmach, unter Druck

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