Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1883)
- Article
- Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
- Date
- 1883-01-25
- Page
- 57 (sequence 1)
- Language
- German
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Jeschurrm. 4. 57 SeirMchmgtn öder die Indenftage in DtutsGlmd. IV. Die Juden, sagt man, können unmöglich als wirkliche Deutsche angesehen werden, weil sie ihren Aufenthalt in Europa nur als einen vorübergehenden betrachten und sich selbst als Fremdlinge begreifen, welche je eher, desto lieber, in ihre eigentliche Hcimath, Palästina, znrückzukehren beabsichtigen. Diese Rückkehr nach Palästina nimmt ihr ganzes Denken und Fühlen gefangen; sie bildet den Inhalt ihres täglichen sehnsüchtigsten GebetS; ja, der Glaube an die endliche Erfüllung dieser Hoffnung zählt mit zu den Dogmen des Jndcnthnins. Wie'? Wenn ein deutscher Bürger den Entschluß faßte, zu einer bestimmten Zeit seine Hcimath zu verlassen und nach dem Auslande zu ziehen, so verlöre er in dem Augenblicke des Entschließcns sein deutsches Bürgerthum und deshalb' auch sein deutsches Bürgerrecht?? Und die Juden hegen doch nur die Hoffnung, daß sie dereinst wieder nach Palästina zurückkehren werden, nach Palästina, von welchem sie seit fast zwei Jahrtausende entfernt sind! Wegen dieser Hoffnung vermöchten sie sich nicht als Deutsche zu fühlen, wegen dieser Hoffnung müßten sic in ihrer staatsbürgerlichen Stellung Einbuße erleiden? Es läßt sich auch nicht nach einer einzigen Richtung hin Nachweisen, daß die Juden während ihrer Jahrhunderte bereits währenden Anwesenheit in Deutschland in der Erfüllung ihrer deutschen Laterlaudspflichten lässig gewesen und in der Treue gegen Fürst und Volksgenossen hinter irgend einen anderen deutschen Stamm zurücktrcten müßten. Trotz der messianischen Hofsnuug, trotz inbrünstiger messianischer Gebete haben sich die Juden jederzeit als gehorsame Unterthancn, als stets opferbereite Staatsangehörige, als treue Bürger erwiesen. Die deutsche Geschichte enthält kein einziges Blatt, auf welchem auch nur eine einzige Auflehnung der Juden gegen Gesetz und Obrigkeit verzeichnet stünde. Ach, auch der jüdische Stamm in Deutschland kann von sich sagen: „Meinen Rücken gab ich den Geißlern preis, meine Wangen den Raufenden; — mein Angesicht entzog ich nicht der Schande und dem Spcichelwurf." Ach, auch die deutschen Juden wurden von ihren Volksgenossen „gedrängt, gepeinigt und öffneten doch nicht den Mund; wie ein Lamm wurden sic zur Schlachtbank geführt, wie ein Schaaf vor seinen Schccrern — sic blieben stumm und öffneten doch nicht den Mund." Sie nahmen geduldig ein Martyrium sonder Gleichen aus sich, und, von ihren deutschen Brüdern gehetzt, gehöhnt und verfolgt, gemartert und dahingcschlachtet, regte sich in ihren Herzen kein Gefühl der Sclbstrache, bewahrten sie sich die Liebe und Treue gegen Land, Volk und Fürst. Keinen Akt der Empörung und Vergeltung hat der Griffel des Chronisten ans den finstersten Zeiten deutscher Geschichte auf die Schuldtafcl der Juden eingcgrabcn, und darum sind eben diese finstersten Zeiten deutscher Geschichte die rnhmcswürdigslc Epoche des jüdischen Stammes, vor deren Hellem Glanze seine Gegner erbleichen müßten. „Wären sie weise, so würden sie hierauf ihren Verstand wenden," so würden sie erkennen, daß die messianischc Hoffnung ihrer jüdischen Brüder mit deren Vaterlandsliebe nicht in Kollision gerathen kann, und die sehnsüchtige Erwartung des Messias der Anhänglichkeit und Hingebung an das deutsche Reich keinen Abbruch zu veranlassen vermöge. Denn wo gäbe es einen überzeugenderen Beweis, als den historischen? Eine Thatsachc, für deren Wahrheit tausend Jahre die Bürgschaft übernehmen, dürfte endlich als feststehend zu betrachten und jedem Zweifel entrückt sein. Der Fanatismus will aber nicht überzeugt werden, daß sein Haß der Begründung entbehrt; und das Vorurtheil bleibt hartnäckig bei seiner vorgefaßten Behauptung; es hat allen Widerlegungen nur das unabänderliche: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt!" entgegen zu stellen. Für Diejenigen aber, welche von der lauten Stimme unserer Gegner haraugnirt und durch die immer und ständig wiederholten aufreizenden Reden derselben bet hört und mißleitet werden, thut es Roth, zum hundertsten Male der Verdächtigung und Anschuldigung gegenüber das Wort der Wahrheit auszusprechcn und für dasselbe klassische Zeugen anzurufen. Wir dürfen darin nicht ermüden und erschlaffen, uni unser Willen und um unserer Mitbürger Willen Ein solcher vollgültiger Zeuge ist die Geschichte, welche wir eb>m vernommen; ihr stellen sich die Bibel und das jüdische RcligionSgesetz in voller Ebenbürtigkeit zur Seite. Schlagen wir die Bibel auf, das Buch Jeremias, Kapitel 29. Wir lesen: „Dieses sind die Worte des Briefes, welchen der Prophet Jeremias von Jerusalem aus an die Ucbriggeblicbenen der Acitcstcn der Exulanten, an die Priester, Propheten und an das ganze Volk richtete, welche Ncbukadnczar von Jerusalem nach Babel geführt; — nachdem der König Jcchonja, die Königin, die Hofbcamten, die Fürsten Juda'S und Jerusalems, die Näthe und Weisen aus Jerusalem fortgeführt waren. Durch Elasa, Sohn Schafaus, und Gemarja, Sohn Hilkia's, welche Zidkija, König von Juda an Nebnkadnezar, König von Babel, nach Babel absandte, — folgenden Inhalts: So hat Gott Zebaoth, der Gott