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Jeschurun · 1883-01-25 · Heft 4 (25.1.1883) · p. 55

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 4 (25.1.1883)
Article
Die Wiederbesetzung des Hannoverschen Landrabbinats
Date
1883-01-25
Page
55 (sequence 3)
Language
German
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55 einem Manne, welcher in Rücksicht auf das zu erlangende bedeutende Amt erst anfängt, oder anfangen will, in seinem Leben oder dem Leben seiner allernächsten Umgcbung eine ״strengere Praxis״ walten zu lassen. Nur die bisherige praktisch bethütigte Gewissenhaftigkeit kann für ihn zeugen, für ihn bürgen. Wenden wir uns jetzt , zu Denjenigen, welche die Forderung erheben, einen dem ״gemüßigten Liberalismus und Fortschritt" huldigenden Rabbiner, oder einen ״über den Parteien stehenden" im Interesse einer gedeihlichen Entwickelung des Gemeindelebens und der Erhaltung des Gemeindefriedens und der Gemeindeeinheit zu wählen. Wir glauben, daß nichts schädlicher sein kann, als wenn Bezeichnungen aus fremden Gebieten auf Verhältnisse übertragen werden, für welche dieselben völlig unanwendbar sind. Es verwirren sich dadurch die Begriffe und das wirkliche Wesen der Dinge wird nicht erkannt. Man gelangt gar nicht zur reiflichen Erwägung; gedankenlos läßt man sich von Phrasen blenden und spricht sie ohne Uebertegung nach, unbekümmert darum, ob sie auch in der That für die Objekte passen, hinsichtlich derer mau sich ihrer bedient. Zu diesen gehören auch die aus dem politischen Leben auf das jüdisch-religiöse Gebiet angewandten Phrasen von Liberalismus, Fortschritt, Ueber-den- Parteien-stehen u. dgl. m. Ganz speziell auf die uns hier beschäftigende Angelegenheit übergehend, möchten wir fragen: was haben die angeführten Begriffe mit derselben zu thun? Die würdige Gestaltung des Gottesdienstes ist eine eminent religiöse Vorschrift und wahrlich nicht zuerst von der heutigen jüdischen Neformpartei gefordert. Die Mahnung, bei der Ausübung des Gebets der Heiligkeit und Bedeutsamkeit desselben stets eingedenk zu sein und auch durch äußere Haltung und angemessene anregende Vortragsweise zu bekunden, tönt uns aus den alten Gesetzbüchern und Schriften überall entgegen; und die vielen Shuagogeuordnungen, von weisen Vorständen und Rabbinern ״zur Hebung des Gottesdienstes und Erweckung der Andacht" erlassen, werden von dem alten Schulchan-Aruch weit übertroffen. Die Herren hätten nur auf die Befolgung der hier ausgesprochenen Anordnutigen zu achten und würden sicherer jene Hebung und Erweckung erreichen. Das gesetzestreue Iudenthum steht deshalb in dieser Hinsicht dem sogenannten Liberalismus nicht nach; es dringt vielmehr noch gebieterischer auf wirkliche Förderung der Andacht. Und das ist wahrlich ein bejantmernswerther Fortschritt, welchen man durch die Ausscheidung einiger Gebettheile zu thun wähnt! Wir harren noch des Nachweises, daß die Abschaffung der beiden יקום פרק und des מי שברך, der sich ihnen anschließt, sowie einiger Piutim u. dgl. nt. einen Fortschritt zum Bessern bedeutet, und wir wagen die Behauptung, daß durch solche kindliche Willkürlichkeiten — und nur um dergleichen handelt es sich bei uns — weder der Gottesdienst verbessert, noch die Andacht erhöht, weder die Zahl der Synagogeubesucher vermehrt, noch der Frieden und die Einheit der Gemeinde befestigt werden. Im Gegeutheile. Durch eine solche ״Verbesserung" wird der subjektiven Laune Vorschub geleistet und die feste Basis der Gesetzmäßigkeit erschüttert. Wer dieses als Liberalismus und Fortschritt bejubelt, der — so düucht es uns — hat weder einen Begriff vom wahren Liberalismus, noch vom ächten Fortschritt. Und die Erfahrung hat es bei uns gezeigt, daß in Folge solcher Abäuderungeu nicht nur der Syuagogeubesuch int Verhältniß zu der Vermehrung der Gemeinde keineswegs zugeuommen, sondern vielmehr, wenn auch nicht in bedeutendem Maße, abgenommen hat. Denn gerade durch solche vermeintliche ״Verbesserungen" haben sich Manche ver-' anlaßt gefühlt, am Sabbath und Festtagen die Veranstaltung eines gemeiusameu Gottesdienstes zu bewirken und demgemäß dem Gemeindegottesdienste an diesen Tagen fern zu bleiben. Wie gering und unscheinbar auch dieses sein mag, so beweist es dennoch, daß die Gemeiudeeinheit und der Gemeindefriede durch diese ״gemäßigte Reform" jedenfalls keine Stärkung erfahren haben. (Schluß folgt.) Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Kricdrich AotL. I. (Alle Rechte Vorbehalten) (Fortsetzung.) Alles Blut wich aus dent Antlitze des schwer geprüften Kindes, doch entschlossen richtete es sich aus und blickte mit den klaren, großen Augen wie herausfordernd auf den Wüthenden. ״Du kannst mich todtschlagen, Vater — aber mich zwingen, daß ich den Sabbath entweihe, das kannst Du nicht." Er erwiderte nichts, aber er hotte aus wie zum Schlage mit dem bereits erhobenen Arm — doch dieser ward plötzlich von rückwärts umklammert. ״Schlage sie nicht," ftaiiimcltc eine bleiche Frau,, die vom Nebenzimuter her herein gestürzt war; ich werde Dir's nähen." Mit rohem Lachen warf Ehrmamt den Stock zur Seite. ״Hättest's gleich thun sotten, wie ich Dich darum gebeten habe, so hättest Du mir den Aerger und Dir den Schrecken erspart. — Aber eil' Dich, ich muß fort."

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