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Jeschurun · 1883-01-18 · Heft 3 (18.1.1883) · p. 34

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 3 (18.1.1883)
Article
Über die Tugend der Entschiedenheit
Date
1883-01-18
Page
34 (sequence 2)
Language
German
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sich nur auf dem Gebiete der Theorie zu bekunden hat, solange cS sich um solche Prinzipien und ״Ueberzeugungeu" handelt, die nichts mit dem eigenen Leben zu thuu haben, man also nicht Gefahr läuft, die prinzipielle Entschiedenheit könne auch materielle Opfer im praktischen Leben erheischen. Aber nur den Einen Schritt gcthan aus der Theorie in die Praxis, aus dem Ärcisc allgemeiner wissenschaftlicher oder politischer Uebcrzcugungcn in das Gebiet des praktischen Lebens, wie sinkt da die eben noch so hochgehaltcne prinzipielle Entschiedenheit im Eourse, wie wird sie da sofort zu ״beschrämicm Fanatismus". Wie ängstlich geht man da jeder prinzipiellen Auseinandersetzung ans dem Wege! Der grundsätzlich Entschiedene ist da der unbequeme Prinzipienreiter, der lästige Prinzipienreiter aber ist der Friedensstörer, und den Friedensstörer thuu sie Me, alle die wissenschaftlich und politisch eben noch so Entschiedenen, mit cinmüthiger Entschiedenheit in Acht und Baun. Freilich, freilich — kommen Sie zu einem Demokratcu und fordern Sie seine Stimurc für einen Zentrumsmann, verlangen Sie von einem Konservativen die Unterstütznng der Wahlagitation für einen Nationalliberalcn und man weist Ihnen entrüstet die Thür, man hält Sie selbst schon für karakterlos, weil Sie es wagten, ein so ehrloses Ansinnen zu stellen. Da füllt cs keinem Menschen ein, jenen Demokraten oder diesen Konscrvativen für fanatisch zu erklären. Vielmehr hätten Sie sich unsterblich blamirt und als einen grnndsatzloscn Menschen oder ein politisches Kind gezeigt. Lassen Sie nun aber einen gesctzeStrcucn Inden erklären, sein Gewissen erlaube ihm nicht, seine׳ heiligsten Interessen einem Manne anznvertraucn, dem dieselben ganz gleichgültig sind, der sie vielleicht gar nach seiner Ueberzcugung bekämpfen zu müssen glaubt, oder lassen Sic ihn sich weigern, seinen Beitrag zu reformjüdischer Propaganda zu geben, so ist er unfehlbar ein Fanatiker, mit dem man nicht verkehren könne, und gesinmmgStreue Basen beiderlei Geschlechts schlagen entsetzt die Hände über ihren, dcnkglünbigen Häuptern zusammen und fragen, ob solcher Fanatismus wohl je erhört sei! Opportunität ist da die Losung, Vermittlung und Ausgleich unversöhnlichster Gegensätze das Feldgeschrei und Kompromiß das alleinseligmachende Dogma. Was ist die Ursache dieser auffälligen Erscheinung, die in ihrer ganzen Schärfe nirgends so wie auf dem Gebiete des Judenthums sich zeigt? ES gicbt eben keine Wahrheit, die so tief ins praktische Leben eingrisse, wie die Wahrheit des jüdischen Gesetzes. Man kann sie in Zweifel ziehen, inan kann sie leugnen. So wie man sie aber anerkennt, fordert sie sofort die unausgesetzte Bethätigung dieser Auerkcnnnng in allen Lebensäußcrungen. Auf Schritt und Tritt begleitet sie uns mit ihren Anforderungen, zu Hause und aus Reisen, im Geschäfte und bei Tische, in unserem Verkehre mit den Mitmenschen und in dem Heiligthume unseres Gemüthslebens, überall fordert sie Selbstbeherrschung, überall legt sie uns Tpfer auf an Geld und Gut, an Genuß und Bequemlichkeit. Deshalb giebt es kein Gebiet, auf welchem von Ulen Denen, die seinen Boden den Namen nach nicht gl.nz verlassen wollen und doch nicht gesonnen sind, irrend welches Opfer ihrer Zugehörigkeit zu bringen, grundsätzliche Entschiedenheit mit solchem — wir haben :ein milderes Wort — Fanatismus verketzert worden wäre und verketzert würde, wie eben das Gebiet der jüdischm Wahrheit. AuS demselben Grunde giebt es abee auch keine Wahrheit, die mit solchem Ernste die Forderung der Entschiedenheit an ihre Bekenner richtet, wie eben diese jüdische Gcsctzeswahrhcit. Sie läßt nid t mit sich handeln. Sie kennt keinen Kompromiß. Zu dieser Entschiedenheit erzieht sie den jüdischen Menscyen von früher Jugend an. Mit mächtig beredter Zeichensprache will sie früh ihn cmanzipircn von Mensche.-Furcht und von Vergötterung irdischen Besitzes, von allem Den, was den theoretisch Entschiedenen zum praktischen Schwächling macht. Sie zeigt ihm in den. Tcfillin, den kleinen ״Häusern," die dem Gottesgese.^e geweiht sind und die sie ihn auf Haupt und Hand tragen lehrt, daß nicht das Haus den Menschen trage, sondern daß der Mensch mit der Reinheit seiner Gedanken und der Entschiedenheit seiner Thatcn vielmehr Träger seines Hauses sei. Die Tesilliu des Hauptes werden in der jüngsten Sidra זכרון, in 5. B. M. 6, 8 טבזפות genannt. זכרון ist das Gedenken des Vergangenen, die stete Beherzigung dcS aus der Vergangenheit erhaltenen Gesetzes, der in der Vergangenheit erlebten Gottcsführung in der Geschichte. nu־üü ist der Kopsschmuck, das Emblem der in jeder Zukunft anzustrebenden Bestimmung. Die jüdische Aufgabe erfaßt jeden gegenwärtigen Augenblick als Kind der Vergangenheit und als Vater der Zukunft. Da spricht denn ein tief schauendes Wort der Weisen: Wer die Tcfillin des Hauptes, das Emblem unserer Bestimmung, das Vekenntniß unseres Wollens und Strebcns buchstäblich ״zwischen seine Augen" auf die Mitte der Stirn lege, der bekenne sich zu den דרכי הסינים zu. den Wegen der Gesctzcslcugner. Die Lehre: Jude sein heiße seinen Standpunkt nehmen zwischen rechts und links, nicht ganz links aber beileibe auch nicht ganz rechts, diese! Lehre gehöre zu den Wegen der Minim. Beiden Seiten! Rechnung tragen, zu keiner ganz gehören, cS aber auch! mit keiner ganz verderben, diese Kompromißweißheit! ist also eine uralte, ebenso alt aber auch ihre Ver-! urtheilung auf dem Boden des Judenthums. Das

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