Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1883)
- Article
- Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
- Date
- 1883-01-11
- Page
- 25 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2932999-2951540--11659-2951587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jeschiirmi. 25 M 2. §e!ral!)tln!gen Rer die Iudeilftage in DcntsGand. II. Suchen wir die Begriffe Staat, Nation und Volk näher festzustellen, wie sich solche nach allgemeiner und speziell deutscher Anschauung ergeben. Staat ist diejenige Veranstaltung, durch welche eine größere Gesammtheit von Menschen auf einem bestimmten Gebiete in einen organischen Zusammenhang gebracht wird, der in der Vereinigung von Negierung und Negierten besteht. ES können auch mehrere Staaten zu einem gemeinsamen Staatöwesen sich vereinigen und einen Bundesstaat bilden. . DaS neue Deutsche Reich ist ein solcher; eS besteht aus verschiedenen Staaten. Aus der Staatsangehörigkeit erftießt das Heimathörecht und für alle Deutsche ein allen gemeinsames Bundesindigeuat, welches alle diejenigen Rechte umfaßt, die denr Staatsangehörigen in! Gegensätze zu dem Aus- Länder zustehen. Nach der deutschen NeichSverfassung sind alle Angehörige eines deutschen Bundesstaates als Inländer in ganz Deutschland anzusehen; ' Inländer aber ist ein Jeder, dessen Eltern zur Zeit seiner Geburt Angehörige eines Bundesstaats gewesen, oder der auf andere Weise das Indigeuat erlangt. Ein Staat kann sich aus verschiedenen Nationen zusanimensctzen. Nation ist nach deutscher Auffassung ein in Folge gemeinsamer Abstammung oder gemeinsaineu Besitzes gleicher Sitte und Sprache zusammengehöriger Theil der Menschheit; während Volk die Gesannnthcit der durch eine gemeinsame Negierung vereinigten Staatsangehörigen bezeichnet. Ein Volk vermag demnach eine Anzahl verschiedener Nationalitäten zu umfassen, während eine Nation sich in mehrere Staaten theilcn kann. Wir haben schon vorhin bemerkt, daß das Delitsche Reich aus verschiedenen Staaten besteht, und zwar 26 an der Zahl; dennoch gicbt eö ein deutsches Volk, weil die Angehörigen aller dieser Staaten durch eine gemeinsame Negierung, deren Spitze der Deutsche Kaiser ist, vereinigt sind. Die Preußen, Bayern, Sachsen, Württcmbcrger, Badenser, Elsaß-Lothringer, Hessen u. s. w. bilden das dcusche Volk. Dieses aber ist keineswegs einerlei Abstammung, Sprache und Sitte. Für die Jngävoncn, Herminonen und Istävonen, die legendenhaften Hauptnrstämme der Deutschen, die Nachkommen des sagenhaften MannuS, läßt sich ein Stammbäum, der ihren Ursprung von Einem Menschen nachweisen könnte, nicht ausstellen, dagegen dürste der Einfluß der Völkerwanderung auf die Mischung der Be-. völkerung Germanienkaum angczwcifelt werden und die Abstammung der heutigen Deutschen aus verschiedcucn Stämmen außer aller Frage erscheinen. Der Sprache nach unterscheidet man im jetzigen deutschen Volke noch Polen, Franzosen,ittauer, Wenden, u. s. w., und was die Sitte anbetrisft, so lassen sich auch hier charakteristische Merkmale der einzelnen Volksstamme nicht verkennen. Ja, wird nicht noch täglich das deutsche Volk durch fremde Elemente vermehrt, welche sich ihnl anschließen? Kann nicht d'aS delitsche Indigeuat von jedem Ausländer erworben werden, ohne daß dessen Abstammung ein Hinderniß ist? Wie groß ist die Zahl der naturalisirten Franzosen, Engländer, Nüssen u. s. w., oder die Zahl Derjenigen, welche nachweislich von solchen naturalisirten Ausländern abstammen, in Deutschland? lind andererseits — welches Volk rivalisirt mit dem Kontingente der Auswanderung, welches das deutsche Volk jahraus jahrein in fremde Länder entsendet? Tausende des deutschen Volkes beanspruchen fortwährend von anderen Völkern die Gewährung des vollen IndigenatS — keine Nation sollte sich deshalb mehr hüten, das verwerfliche ״Racenprinzip" zur Geltung zu bringen, als gerade die deutsche. Welche Stellung nimmt nun der semitische Stamm im deutschen Volke ein? Die Juden bilden einen eigenen Stamm, welcher ebenfalls sich cigcnthümliche, ihn karakterisirendc Sitten bewahrt hat. Da cs aber notorisch ist, daß auch die anderen Stämme,' aus denen das deutsche Volk sich zusammensetzt, nach Abstammung, Sitte und vielfach auch nach Sprache verschieden sind, so läßt sich gar nicht abschen, aus welchem Grunde man gerade bei dem semitischen diesen Umstand benutzen könnte, um ihn von dem deutschen Volke auszusondern. Auch der Friese, Westfale, Schwabe, Slave, kurz jeder Stamm konscrvirt seine Besonderheit, und gerade die Mannigfaltigkcit dieser Sonderheiten ist sicherlich einer der besonderen Vorzüge eines großen Volkes, ja wahrschcinlich eine der bewegendsten Ursachen seiner Größe. Der friesische Seefahrer, der westfälische Landmann, der obcrbaycrsche Senne, der ernste Niedersachse, der fröhliche Pfälzer — ein Jeglicher trügt mit seiner Eigenthümlichkcit dazu bei, den reichen, vielseitigen deutschen Nationalkarakter und Nationalgcift zu erzeugen, welcher dem' deutschen Volke einen der ersten Plätze unter den Knlturstaatcn sichert. Und der Jude mit seiner bcsondern Eigenthümlichkeit — mag man diese nun in der größeren Beweglichkeit des Geistes, in der ausgeprägteren Begabung für den Handel, in den: bcsottdcrs hervorstechenden Familiensinn, oder worin immer suchen und finden — leistet gewiß mit derselben seinen vollwcrthigen