Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-01-04 · Heft 1 (4.1.1883) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 1 (4.1.1883)
Article
Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
Date
1883-01-04
Page
9 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2932998-2951475--11612-2951514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jeschnrun 9 M I. itiicr die Inkiifnigc in De!1isl?jlMd. I. Als vor zwölf Jahren Deutschland anshörtc, ein ״geographischer Begriff" zu sein, als der Heldenkaiser nach den glorreichen Siegen des großen deutschfranzösischen Krieges, dem einmüthigen Rufe der Fürsten und des Volkes folgend, das Deutsche Reich nach 65jähriger Auflösung wieder herstellte in ungeahnter Herrlichkeit und Machtfülle, da geschah dieses nach dem ersten kaiserlicher! Manifest, ״gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes", welches in heißen, opfermuthigen Kämpfen sich seine Einheit und Größe erstritten. Der Schluß jener denkwürdigen, grundlegenden kaiserlichen Proklamation aber sprach die Hoffnung aus, daß Gott dem Kaiser und seinen ׳)Nachfolgern an der Kaiserkrone Deutschlands verleihen wolle, ״allezeit Mehrer des Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung." Jubel erfüllte das Herz des deutschen Volkes, in gerechtem Stolze freute es sich seiner wiedererlangten Macht und Einheit und laut jauchzte cs seinem Kaiser zu, dessen Worte in jedem deutschen Geinüthe begeisterten Widerhall fanden. Und jetzt, nach 12 Jahren, — die Judenfragc im Deutschen Reich?! Sollte der Genius des deutschen Volkes nicht trauernd das Haupt verhüllen? Sollte er nicht weh-׳ klagen, daß an der geeinten Kraft seines Volkes der Wurm der Zwietracht, des Hasses nagt, — das; dessen Gesittung getrübt und verwildert werden soll? Sollten nicht die auf den blutgetränkten Schlachtfeldern Spicherns, Wörths, Weißenburgs, Gravelottcs den Heldentod schlafenden tapferen Krieger sich aus ihren Gräbern erheben und in edlem Zorn grollend durch die deutschen Gauen rufen: nicht darum haben wir gekämpft und geblutet, nicht darum sind wir freudig in den Tod gegangen, daß nach kurzer Frist das deutsche Volk, das wir durch Aufopferung unseres Lebens geeint, in Haß und Hader auseinander klafft; — Protestanten, Katholiken und Juden, haben wir einmüthig als Deutsche für deS Vaterlandes Größe unser Leben eingesetzt, — Verrät her cm dem Heiligsten, wer Zwietracht unter Deutschlands Söhne säet, Lerräther; wer den Haß und das Vorurthcil schürt!? Und wir, die jüdischen Bürger des Deutschen Reiches, der Gegenstand des Vorurthcils, der Anseindnng, des Neides und der Verachtung, aus welchen die häßliche Erscheinung hcrvorgegcmgen, welche n!an als ״Judenfragc" bezeichnet, wir — wir weinen mit dem Genius Deutschlands ob der Verirrung eines Theilcs unserer deutschen Brüder. Wir sind von Wehmuth erfüllt, daß inmitten des deutschen Volkes! Männer ausstehen konnten, welche längst ciugerissene Wälle wieder anfrichten möchten, die den Bruder von dem Bruder scheiden, und längst vergessen gewähnte, einer finstern, rohen Zeit angehöreude Ideen in die lichte Gegenwart eiuzuführen sich bentühen. Als treue Söhne unseres großen deutschen Vaterlandes empfinden wir schmerzlich den Makel, welchen durch das Auftauchen der ״Judeufrage" das Ausland den! deutschen Namen auheften kann; als ernste deutsche Patrioten schauen wir besorgt der Zukunft entgegen und fürchten die Schädigung,!velcher der deutscheil Gesittung aus dieser Saat der Rohheit und Geistesverwirrung erwachsen kann. Es ist eine trübe Zeit für das deutsche Vaterland. Eine schnnerige Aufgabe ist ihm gestellt. Es soll den Keim der Zwietracht vernichten; es soll den! Vorurthcil keine Stätte gönnen; cs soll den bösen Auswuchs, die Judenfrage, loslösen von seinem Körper; es soll ihn so gänzlich ausscheidcn, daß keine Spur davon zurückbleibt. . Und es ist eine trübe Zeit auch speziell für uns jüdische Deutsche. Wir werden angegriffen, verlästert, geschmäht. Man sucht uns des natürlichsten, heiligsten Rechtes zu berauben; man null uns zu Parias stempeln;! man greift unser theuerslcs Gut, das thencrstc,! was der Mensch sein nennt, unsere Religion,! au. Wir müssen dein Angriff Gegenwehr leisten; j müssen uns vcrthcidigen; muffen für unsere Ehre, j unser 'Recht, unsere Religion ciustehen. Als ob die j letzten 50 Jahre nicht die Manifestationen einer im i steten Fortschreiteu begriffenen gedeihlichen Entwickelung - des geistigen, sittlichen und politischen Lebens aller j deutschen Stämme auf die Tafeln der Geschichte ein-! gegraben hätten; als ob ein halbes Säkulum aus dem > Leben einer Nation, wie der deutschen, mit einem Hauche! ausgclöscht werden könnte, unterfängt sich ein tleiucr j Theil dieser großen Nation die Axt au;!!legen an den > höchsten 'Nationalschatz, au die Gesittung und den iuncrn i Frieden, um den schlimmsten Leidenschaften zu fröhnen,! wagt cs, die Genossen eines Staates, die Bürger eines! Volkes gegeneinander zu Hetzen und die ruhmwürdigsten; Errungenschaften einer Nation: Kultur, Bildung, Einig- > feit in Frage zu stellen.! Denn darüber kann kein Zweifel herrschen: gelingt j cs diesem inner!! Feinde, einen Keil in den Frieden und die Einheit des deutschen Voiles zu treiben, ver-!nag er cs durchzusetzen, daß die! 1,4 Prozent jüdischer Deutschen der vollen Gleichberechtigung mit den übrigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.