Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1867-1868)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1867)
- Article
- Aus der Residenz
- Date
- 1867-12-01
- Page
- 101 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Von einem Kleinstädter. 101 sem Bestreben seinen hochverehrten Prediger. Manchmal Verth eidigte er sich gar nicht unv ließ nur seinen Freund sprechen, welcher, wie ich bemerkte der Partei der Reformer angehörte. Als mein Freund endlich ganz;um Schweigen gebracht war, hielt der Andere eine lange Rede über Gott, Unsterblichkeit, Seele, Tugend, Moral, Neligion, Predigten, Gebete, Sabbath als ständen ihm alle dsese Dinge zur alleinigen Disposition. Er sprach wie ein umgekehrter Logiker. Er hatte den Geist seiner spanischen Stiefeln entledigt, gedankenlos durchtanzte er die Gedankenbahn als wäre sie ein Ballsaal, er irrlichtete hin und her, die Kreuz und Quer, und wovon man immer geglaubt hatte, daß Eins! Zwei! Drei! dazu nvthig sei, daS trieb er mit einem Schlage, wie Essen und Trinken, frei. Als er sich endlich die Lunge genug ausgeschrieen hatte, spielte er noch einen letzten Trumph aus, indem er sagte: Ich habe gar nichts dagegen, daß Sie religiös sind, wenn unr nicht diejenigen, welche sich so neuneu, so fanatisch wären, andern Leute», welche solcher veralteten Gebrauche nicht mehr bedürfe», ihre Meinung aufdrängen wollten. — Ich sah meinen Freund an; er sah aus, als wollte er etwas erwieder», ohne zu wissen was- Man merkte es ihm an, daß der Vor- Wurf des Fanatismus ein Stachel war, welcher zu tief in sein Znnercs gedrungen, als daß die Schmerzen so leicht zu ertragen gewesen wären. Und natürlich ist dies auch. Die meisten Menschen stellen ihre Vernunft höher als ihren Charakter; sie lassen sich zehnmal schlecht nennen, ohne die Beleidigung zu spüren, wehe aber demjenigen der es wagt, sie auch nur in einer Anspielung dumm zu neuneu. Und nun gar: Fanatismus! Welches Bild der Dummheit wird durch dieses Wort entrollt! Wer den Vornurf erhebt, giebt dadurch daS Zutrauen zu der Selbstständigkeit dcS Andern auf, er ernennt sich gewissermaßen zu dessen Vormund, und spricht damit aus, daß die geistigen Gaben, welche jedem Menschen zur Verwendung inuewohnen, schlummern, oder mit Ketten belastet, eines jede» freien Gebrauches baar sind. So wenigstens schien mein Freund den Vorwurf .aufzufassen, aber, las ich in seinen Mienen, hat der Andere nicht recht? Kann ich etwas erwiedern demjenigen, der seinen Vorwurf mit den klarsten Beweisen stützt. Weiß ich warum ich für das Alte eintrete, und ist es nicht nur zum Tbeil Gewohnheitstricb, zum Theil die Nothwcndigkeit, irgend einer Partei anzugchvren, welche meine