Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1867)
- Article
- Die Apostasie vom göttlichen Gesetze in feierlichster, officiellster Weise in der Synagoge von Frankreich proklamirt
- Date
- 1867-05-01
- Page
- 277 (sequence 5)
- Language
- German
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Weise in der Synagoge von Frankreich proklamirt. 277 -cer legte eine offene Erklärung von Grundsätzen zu Gunsten liberaler Ideen auf religiösen Gebieten an den Tag: er sprach sich offen für alle Verbesserungen ans, welche geeignet seien den Glauben zu reinigen und zu vereinfachen, er stellte eine nothwendige Unterschetdüng zwischen den Dogmen, die ihrer Natur nach unabänderlich sind, und den rituellen Gebräuchen auf, die den Stempel der Zeiten, zu welchen man sie eingeführt hat, tragen und für Aenderungcn empfänglich sind, wenn Vernunft und Civilisation es verlangen. Das .Judenthum, das der Depositär und Wächter des Monotheismus sein will, ist nach dem Ausspruch des ehrenwerthen Redners gehalten seine Gebräuche mit den Ansprüchen der Zeit und den noch gcbietcrischcrcn Anforderungen zu versöhnen, welche die täglich inniger werdenden Beziehungen zwischen allen Intelligenzen machen. Der alte und beschränkte Formalismus hat seine Berechtigung zu sein gehabt, und verdient Achtung, aber eine nicht so beschrankte Interpretation der traditionellen Bücher und eine moderne, den Wahrheiten und unvcrgänglichen Lehren mehr zugängliche Praxis sind den Gewissen deS neunzehnten Jahrhunderts von unabweisbarer Nothwendigkeit. Im Hinblick auf die Unfehlbarkeit, die keine Gelegenheit sich zu befestigen in Nom versäumt und angesichts des Conflikts, der immer mehr und mehr im Herzen des Protestantismus die Orthodoxen und die freien Denker scheidet, ist es interessant eine lobenswerthe Ausnahme in den Bestrebungen der biblischen Culten zu verzeichnen und zu constattren, daß die Stimme deS Fortschritts sich in der Synagoge hat vernehmen lassen. Rcservirter durch die Natur seines Amtes hat dennoch der neue Graud-Rabbin von Frankreich die hochherzigen Gesinnungen, in deren Namen man seinen Amtsantritt begrüßte, nicht zurück gewiesen. In langer und gelehrter Anrede hat er versprochen, den neuen Verhältnissen, in welche die moderne Gesellschaft ringetreten ist, Rechnung zu tragen und verkündigt den festen Entschluß an der Vergeistigung deS CultuS zu arbeiten und die Formen in Einklang mit dem Boden eines unentlich fortschrittlichen Glaubens zu bringen. Ungctheilte Sympathie erhielt dieser edle und rührende Vortrag, Sympathie für den Mann und was wichtiger ist, Sympathie für die Gesinnungen. Der Eindruck, welchen diese Zusammenkunft gemacht hat, ist daher heilsam und -klebend,