Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-12-01
- Page
- 102 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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! 102 Risse. er glaubte doch, daß die Anwesenheit der Bonne weniger Anstoß errege, wenn die Kinder im Hause, als wenn sie außerhalb sich be- { fänden — doch als Viktor fort und fort drängte die Kinder seiner Frau zu überlassen, willigte er endlich ein, sein kleines sechsjähriges Töchterchen zur Mutter zu lassen. Denn er erinnerte sich, daß die Bonne sich schon wiederholt über die Kleine beschwert hatte, die beständig nach der Mama verlangte; er wußte daher, daß er für diej ses Zugeständniß auch von jener Dank erndten würde, und das war i ihm nicht gleichgültig. Mit seinem siebenjährigen Knaben verhielt es sich anders. Dem wilden Patron war das unachtsame, leichtsinnige Mädchen viel lieber als die sorgsame Mutter. Niemand wehrte ihm jetzt seine oft halsbrecherischen Kraftübungen, kein mahnendes Wort rügte seine oft grausamen Spiele mit kleinen Thieren, und seine freundliche Aufseherin lachte herzlich über seine allerliebsten Einfälle, wenn er z. B. einem Armen, der um Almosen bat, eine Spielmarke in die Hand drückte, oder ihm ein znsammengefaltetes Papier überreichte, in dem statt Geld Sand sich befand — Viktor hatte von allem diesem keine Ahnung, dennoch bot er alles auf, seinen Schwager zu bewegen, auch den Knaben, wenigstens für die nächsten Jahre, zu seiner Mutter zu senden. Aber hierzu wollte sich Philipp durchaus nicht verstehen. ״Der Knabe hat Verstand und Geist, er soll kein Duckmäuser werden wie er es unfehlbar würde, wenn er zu seiner Mutter käme; ein freidenkender Mann soll er werden, wie sein Vater einer ist." Viktor konnte einen Seufzer nicht unterdrücken über den armen Knaben dem ein solcher Vater als Vorbild sich zeigte. Am andern Morgen erschien die kleine Helene im Hause ihrer Großmutter, die nicht wenig erschrak, als sie das blasse abgehärmte Aussehen des vor kurzem noch so blühenden Kindes wahrnahm. Weit mehr noch aber erschrack sie als Rosa ihr mitthetlte, daß die Kleine sie nach H. begleiten werde zu ihrer Mutter, die nicht mehr zu ihrem Manne zurückkehren werde. Bitter tadelte sie die Pflichtvergessenheit ihrer Schwiegertochter, die sie verantwortlich machte für die Abwege, auf die ihr Sohn gerathen könne. Daß er sich längst aus solchen befand wollte sie durchaus nicht gelten lassen. - (Fortsetzung folgt.)