Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 2 (November 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-11-01
- Page
- 50 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Risse. ״Wo ist sie, warum kommt sie nicht?" stammelte er, die Arme ausstreckend. ״Sie kommt," schluchzte die Gattin, ״gleich wird sie hier sein." Sie setzte sich zum Bette, den Gatten zn unterstützen. ״Aber fasse dich nur, um Gotteswillen fasse dich/ bat sie und konnte sich selbst doch nicht fassen. Philipp und Louis warfen wild grollende Blicke auf ihren ehemaligen Lehrer, der sich jedoch durchaus nicht darum zu kümmern schien. Einige theilnehmende Worte stüsternd, hatte er sich dem Bette genähert und die Hand seines Freundes gedrückt, dann schritt er, die Hände auf dem Rücken übereinander gelegt, leise zun! Fenster und lüftete die Jalousie ein wenig. ״Erbschleicher" murmelte Philipp, indem er mit Louis das Zimmer verließ. Jakob folgte ihnen, den Blick zu Boden gesenkt, es sollte Niemand gewahren, daß er im Innersten seines Herzens den Verdruß der Brüder über die Ankunft der Schwester nicht thcilie. Zn athemloser Spannung lauschten die Zurückgebliebenen auf jedes Geräusch. Fricdheim hatte das blaue Augenglas sorgfältig mit dem Zipfel seines grauen Rockes geputzt, und blickte nun unverwandt hinaus, auf die weithin sich erstreckende Straße. Horch! war das nicht ei» Wagen? Näher und näher rollte es heran — ob sie es ist? — Friedheim raffte alle seine Sehkraft znsammen, aber er vermochte nichts zn erkennen, er war zn kurzsichtig — Da aber hielt der Wagen am Hause, das mußte sie sein. Der Kranke stieß einen halbuntcrdrücktcn Schrei aus, seine Frau war aufgesprungen und wollte ans dem Zimmer eilen. Friedheim vertrat ihr den Wrg und bat sie hastig, sie möge den Gatten nicht allein lassen, er eile schon hinunter Madame Blum zu empfangen, fort stürzte er. Noch wenige Minuten und man vernahm Schritte ans der Stiege, die Thür öffnete sich, die so heiß ersehnte Tochter stürzte in die ihr entgegengestreckten zitternden Arme ihres Vaters, die Mutter umarmte den blühendru Enkel und küßte ihm Mund und Wangen, Friedheim war im Nebenzimmer geblieben. Aber war denn das in der That der so eben noch dem Tode sich so nahe Wähnende, der nicht im Stande sich fühlte, ununterbrochcn drei Worte zu reden, dessen bebende Lippen schon am Todes-