Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-10-01
- Page
- 27 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2932754-2932974-2932976-2950320--10288-2950360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von S . -. 27 geres Berhältntß besteht, als zwischen dem Menschen und seiner Kleidung." ״So wäre das freilich erklärt. Aber wissen mochte ich wohl, in welchem Theile des Körpers die Seele eigentlich fich befindet." ״Könntest du mir vielleicht sagen, in welchem Theile des Weltalls du Gott aufsuchen möchtest?" ״Gott ist überall, das weiß ja jedes Kind." ״Gott ist überall, ganz recht, überall offenbart fich seine Allmacht und doch ist Er nirgend sichtbar und wie Gott in der Natur, so die Seele im Menschen, auch sie offenbart sich überall, und ist auch nirgend sichtbar. Wenn du dein Schwesterchen fallen siehst, so eilt dein Fuß hin zu ihr und mit deinen Händen hebst du sie auf. Wo wolltest du nun deine Seele suchen, in den Augen, in den Füßen oder in den Hände»? Aber ich muß unsere philosophische Unterhaltung für jetzt beenden," fügte sie lächelnd hinzu, als fie sah, daß Edmund noch einige Einwendungen oder Bemerkungen auf dem Herzen hatte. ״Tante Ada könnte erwachen, und ich will sic nicht lauge allein lassen. Ich brauche dich wohl nicht zu ersuchen, lieber Edmund, daß du über das, was du mir heute mitgetheilt, so wie über deine Vermuthung, die du daraus schöpfest, -gegen Jeden schweigen mußt." ״Mama," rief der Knabe mit etwas verletztem Selbstgefühl, ״ich habe ja bis heute auch gegen Dich nichts davon erwähnt." ״Du hast Recht liebes Kind, meine Bemerkung war überflüssig, ich weiß ja, daß ich mich auf deine Diskretion verlassen kann. Doch ich eile zur Tante, bestelle indessen das Frühstück." Sie schritt zur Thüre, bevor sie dieselbe jedoch erreicht, ward von außen geöffnet, der Postbote trat wieder herein, ihr einen Brief zu übergeben. Sie sah auf die Adresse, die Schrift kam ihr bekannt vor und doch war sie von keinem der Ihrigen. Schon war sie im Begriff, den Brief für's Erste bei Sette zu legen, um die Freundin nicht länger warten zu lassen, als sie sich erinnerte, daß cs ja Friedheim's Handschrift war. Sie crschrack, was konnte Friedheim ihr zu schreiben haben? Da durfte fie nicht zögern, es zu lesen. Mit fast zitternder Hand erbrach sie das Siegel, entfaltete das Blatt und las: