Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1866)
- Article
- London [Nachricht]
- Date
- 1866-05-01
- Page
- 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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den, unsere Aufmerksamkeit galt den glücklich sich fühlenden Menschen. Da sahen wir den kleinen Toby, unseren wohlbekannten Zettungs-Austräger mit der bewährten Lunge, die zu seinem Amte so unerläßlich ist, wie die fligken Beine : man sieht es dem guten Jungen gar nicht an, daß! seine Ahnen zu Babel trauerten; da sitzen auch die ebenholzfarbigen vier Kinder jenes unglücklichen Negers Mordechoi, der am Hofe der Königin Pomare die Rolle einer Art Finanzministers spielte und von den rebellischen Unterthanen ihrer baarfüßtgen Majestät lebendig gebraten wurde; dort an der Ecke sitzt' ein finsterer Mann mit dem Oberletbe wackelnd; das ist der wahnsinnige Jüngling, der sich für König David hält und auf den Trümmern von Zion nach der Krone grub, die einst Salomon trug; er kam nach London, um den Beistand des englischen Parlamentes und der Königin für sein legitimes Herrscherrecht anzurufen und fand viele Narren hier im Lande, die an sein blaues Blut glauben; er will nach St. Petersburg gehen, um die Hülfe des Czaren anzUrufen; vorläufig lebt er von Almosen, da seine königlichen Äpanagen-noch nicht flüssig sind; dort sitzt ein Mütterchen, es sieht aus wie׳ eine Sybille, vor kaum einem halben Jahrhundert war es eine Perle von Zion, die ein Pascha von Damaskus in seinem Harem barg. Zehn Söhne gebar dies Weib, alle sind in assyrischer Erde begraben, den jüngsten hat ein Engländer aus einem brennenden Hanse gerettet und nach England mitgenommen; seit zehn Jahren sucht sie das Kind nun vergebens in England; Niemand vermag ihr zu sagen, wo Benjamin, ihr jüngster, ist. Nichts hat die Arme aus den Trümmern vergangener Herrlichkeit sich gerettet, als das nackte Leben, ein ruhiges Gewissen und die Hoffnung, ihren Jüngsten noch unter den Lebendigen anzutreffen. Der Mann, der dort wie ein entthronter König sich anlehnt, ist der berühmte Jost, einst Matador der Börse, ein Millionär vom reinsten Wasser, nunmehr ein rainirter Mann und Bettler, ein eingefleischter Feind des ersten wie des dritten Napoleon, die beide durch ihre Politik ihn ruiniren halfen. Doch wer ist jener Mann im Seidentalar, der wie ein Jeremias sich ausnimmt? Hut ab! Das ist der Generaltambour von Ostrolenka; er trommelte wacker auf das Eselsfell, während die rusfischen Kanonen Tod und Flammen unter die Patrioten spieen, er zitterte nicht vor dem Tode, nicht vor Sibiriens Eisschrecken, denn er trommelte für die Auferstehung Polens. Das ist nun freilich schon lange her, seitdem sind seine Arme minder rührig, Polens Freiheit liegt im Grabe und harrt vergebens der Auferstehung, doch nnermüdet wackelt sich der alte Moses Mizri, so unermüdet, wie er einst trommelte bei Ostrolenka; er hofft auf die Erbauung des Tempels, da die Hoffnung auf Polen begraben ist; er hofft aus die Wiederstehung Jerusalems. Druck von -Krinhold — Nedütteur Rabbiner Hirsch in Frankfurt am Ma,n.