Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1866)
- Article
- London [Nachricht]
- Date
- 1866-05-01
- Page
- 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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278 blanken Cylinder, die nach englischer Manier getragen auf den gewichsten Haarlocken des starken Geschlechtes balanciren, die steifen Vatermörder die bis an die kühngcschnittenen Adlernasen mit ihren Spitzen heranreiche», die butterfarbencn Glacehandschuhe und sonstige Stutzerfeiertagsgewänder erinnert, daß hier ein Tag Siesta mache. Allerdings gibt es nicht wenige emancipirte Juden in London, d. h. solche, welche den Sabbath auf den Sonntag verlegen; diese Indifferenten jedoch, welche jede ReltgionSgesellschaft auszuweisen hat, bilden die Ausnahme von der allgemeinen Regel. Im Ganzen und Allgemeinen hängen die Nachkommen Jakob's an der Themse an den jüdischen Satzungen und die Engländer finden dies natürlich. Der selige Lord Palmerston sagte einst zu einem jüdischen Kaufmann, der sich ihm an einem Sabbath im auswärtigen Amte vorstellte und ihn seiner tiefen Ergebenheit versicherte: ״Wenn Sie cs mit mir so ehrlich meinen wie mit ihrem Gott, so werde ich dabet schlecht fahren. EinJude, der am Sabbath Geschäfte sucht, kommt mir immer so vor, wie ein Pfarrer, der Butter schägt, während die Gemeinde in der Kirche seines tröstenden Wortes harret." Diese echt humane Toleranz wohnt jedem gebildeten Engländer inne; sie ist ein Ausfluß der wahren Gewissensfreiheit. Auf den Straßen, die wir oben bezeichnet, herrschte seit einigen Wochen eine lebhafte Agitation; kein Zweifel, etwas Großes war im Anzuge und damit es kurz herausgesagt werde, die Agitation galt einem ״Seder-Meettng", das auch glücklich in Scene gesetzt wurde. ״Seder" heißt nämlich der weihevolle Akt in den jüdischen Famtlienztrkeln, bei welchem unter Sang und Wein der wunderbare Auszug aus Egypten traditionell erzählt wird. Jede Familie feiert den ״Seder", selbst die Armen und Heimathlosen im Volke finden leicht eine gastliche Stätte am Tische des reichen Glaubensgenossen und doch — waren bisher die Wittwen und Waisen, die verschämten Armen, die Fremden, die vom Schiffbruch des Lebens an die Themse-User geworfenen von diesem Weiheakte ausgeschlossen. Den vereinten Kräften sollte das gelingen, was dem Einzelnen unmöglich war. Zu diesem Zwecke wurde ein Meeting angeordnet. An 400 Personen, darunter viele Glieder der höchsten Aristokratie, bethetltgten sich an dieser Versammlung, welche die Realistrung eines humanen Zweckes sich zur Aufgabe gestellt hatte. Der edle Lord Shaftesbury, der überall dabei ist, wo es gilt, eine Thräne zu trocknen, der feuereifrige Stuart Disraeli, Gtbson und viele Andere waren da; auch die Frauen, deren Lebensziel das Balsamträufeln in die offenen Wunden ist, fehlten nicht. Selbstverständlich waren die vornehmsten Israeliten Londons zugegen.