Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-03-01
- Page
- 199 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Von S >. 199 doch sobald sie die Tochter an ihrer Seite gewahrte, änderte sie ihr Vorhaben und bat Friedhcim, sich zu setzen und das Essen nicht noch kälter werden zu lassen.'Es war ein etgenthümliches Verhältniß zwischen Mutter und Tochter, wohl liebevoll und zärtlich von beiden Seiten und doch nicht vertraulich, oft fast fremd. Rosa war nämlich seit ihrem siebenten Jahre von ihrer Großmutter erzogen worden, und erst seit einem Jahre nach Ableben derselben in's väterliche Hans zurückgekehrt. Diese Großmutter, die Mutter ihres Vaters, hatte längst erkannt, daß das unbestimmte Wesen ihrer Schwiegertochter auf die Erziehung der Kinder höchst nachtheilig cinwirken könne. Äengstlich besorgt für das Heil derselben hatte sie ihren Sohn zu bewegen gewußt, ihr Rosa zu überlassen, damit sie, wie sie vorgab, ihre Einsamkeit weniger empfinde. Für die Knaben vermochte sie nichts zu thun, und ergab sich daher der Hoffnung, ein tüchtiger Erzieher werde die Schwache der Mutter bei ihnen unschädlich machen. Die alte Dame war eine ernstfromme und dabei hochbegabte Frau; sie erzog ihre Enkelin, wie sie ihren Sohn erzogen hatte; sie wußte das weiche jugendliche Herz mit glühender Liebe für die Religion ihrer Väter zu erfüllen, und sorgte auch dafür, daß kein Zweig vrofaner Bildung ihr fremd blieb. Und überreich belohnt sah sie ihr Streben; herrlich entfaltete sich das junge Mädchen; aus dem dunkeln feurigen Auge, daS stets funkelte und doch auch so sanft zu blicken vermochte, sprach die schönste Seele. Das einfache einsame Leben der Großmutter und ihrer Enkelin hatte einen nnanösprcchliche» Reiz für beide. Und selbst abgesehen von dem Schmerz, den der Tod ihrer Großmutter ihr verursachte, ward es Rosa unendlich schwer, sich an das Leben im Hause ihrer Eltern zu gewöhneu. Wohl umfing auch die Mutter sie mit liebender Sorgfalt; aber ganz anders war die Liebe, die sic gewohnt war, und was ersetzte -ihr den Geist den diese stets durchdrungen hatte? Mutter und Brüder blieben in gewisser Bczihung ihr fast fremd; ihr Vater war der Einzige der sie verstand, und mit einer-Jnnigkeit ihre Liebe crwiedcrte, wie man es diesem oft hart genannten Manne kaum zugetraut hätte. Sprach er mit Rosa, so lag in seinem Ton stets eine Sanftheit, eine Milde, wie seine Söhne sie höchst selten nur vernommen. (Fortsetzung folgt.)