Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Article
- Blicke in die jüdische Gegenwart in Frankreich
- Date
- 1866-02-01
- Page
- 167 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Blicke in die jüdische Gegenwart in Frankreich. Wir haben sehr oft gegen die unglückselige Tendenz protestirt, die unsere Rabbiner immer mehr von ihrer wahren Mission entfernt, von ihrer Mission als Lehrer, Erhalter und Verbreiter der Heiligen Wissenschaft und administrative und communale Funktionen an ihre Stelle setzt, die immer sehr gut von Laien erfüllt würden. Für diejenigen freilich, welche alle Religion auf die Erfüllung einer cinzigen Pflicht der Wohlthätigkeit beschränken, soll der Rabbiner der Großalmosenter sein und sich ausschließlich mit der Vertheilung von Unterstützungen und Almosen beschäftigen. Er soll die Kranken und Gefangenen besuchen, — nicht wie der katholische Priester dessen Beistand nothwendig, unumgänglich bei der geringsten religiösen Ceremonie ist, geboren zu werden, zu leben und zu sterben— sondern als, einfacher Almosen- oder Trostbringer, die jedoch sehr gut durch die Hand und den Mund eines jeden treuen Israeliten gespendet werden können. Den Geistlichen repräsentiren ohne seine Funktionen zu erfüllen; in der offiziellen Oeffentlichkeit ein Costüm an Stelle des Mannes, einen Namen an Stelle eines Glaubens flguriren zu lassen; vor den Augen der Welt eine Fahne entfalten, deren Devise ansgelöscht, deren ursprüngliche Farbe durch eine täuschende Mischung wechselnder ungreifbarcr Nüancen ersetzt ist, Das ist's wozu gewisse Menschen das moderne Rabbinat reducircn möchten. Die Israeliten hingegen, die in der Religion neben und über den Gesetzen der Mildthätigkcit und Nächstenliebe göttliche Anordnungen und Verpflichtungen gegen Gott erblicken, das Gehcimniß unseres Seins und die Hoffnung unserer Zukunft, das übernatürliche und übermenschliche Licht, das uns über die sichtbare und vergängltche Schöpfung erhebt, diese Israeliten wollen, daß der Rabbiner der Wächter des Heiligthums werde, der Lehrer der heiligen Wissenschaft, insbesondere der talmudischen und trabitivuellen sei, welcher Israel seine ruhmreiche Vergangenheit^ seine wunderbare Geschichte, seine Stärke und Unsterblichkeit verdankt. Man ist nur Rabbiner durch das Wissen das man erlangt hat, durch die Schulen die man bildet, durch das Licht das man verbreitet und durch die Sprossen die man dem alten Lebensbaume unserer heiligen Thora hinzufügt. Keine persönliche Eigenschaft, keine sociale Tugend kann diese vitalen und absoluten Erfordernisse des jüdischen Prtesterthums ersetzen. Der Mann der in hohem