Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Article
- England : London [Nachricht]
- Date
- 1866-01-01
- Page
- 137 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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137 Gttgilmd. ׳* Lo n don. Einem uns zur gefälligen Einsicht gestatteten Briese eines in London lebenden Frankfurters über die Installation des neuen Lord-Majors entnehmen, wir folgendes: Am 9. November wurde Baruch Samuel Philipps — von berliner jüdischen Eltern — zum Lord-Major gewählt —- hier mit großem Pomp inftallirt. Du siehst, man kann Baruch heißen und doch 12 Monate königlich über drei Millionen Menschen regieren. Ich hätte gerne gesehen, Dich hier zu haben, um die Prozesfion auznsthcn. Ein solcher Aufzug ist in Deutschland trotz Schü- Hensest und Schillerfest noch nicht gesehen worden. Die Regimentsmusik von 15 Bataillonen begleitete ihn — alle Läden waren geschlossen. — In einem sechsspännigen Wagen, eine Schwadron der Leibgarde zur Seite reitend— fuhr er durch die Stadt. Kronbeamte trugen vor ihm goldenes Schwert und goldene Krone als Embleme, daß der Lord-Major der größten Stadt der Welt auf 365 Tagen so viel als die Königin gilt. Hinter ihm fuhr in ihrem eigenen vierspännigen Wagen seine Frau von 40 königlichen Uhlanen zu Pferd begleitet — 4 Hofdamen in einem Extra-Wagen wurde ihr zur Bedienung beigegeben. Hunderte von Equipagen folgten und eine unzählige Masse Militär, Corporationen, Zünfte, Innungen, Schulen re. Denke Dir ferner eine halbe Million Menschen auf den Beinen, alle zujauchzend und Bravo rufend —- und alle Fenster bekraust und Kopf an Kopf die Zuschauer an ihnen — und dann selbst hast Du bloß eine schwache Idee von dem Jubel und der Acclamation mit denen er begrüßt wurde. — Schulkinder und Depntirten überreichten ihm Adressen und seiner Frau Kränze.—Ich, der ein achtes Judenherz habe, konnte soviel Ehre und soviel Glanz, einem Juden erwiesen von 500,000 christlichen Mitbürgern, die zugegen waren, nicht mit ansehen ohne Freudenthränen zu weinen. Philipps ist übrigens sehr beliebt, steinreich, wiewohl er blos in Stickwolle arbeitet. Natürlich vernachlässigt er 12 Monate sein Geschäft, doch hat er erwachsene Sohne. Das großartigste bei der Sache ist — meiner Idee nach — der Punkt: So durch und durch ist man hier emancipirt, daß die Zeitungen, die tagelang von dem Prunk und dem Aufwande sprachen, nicht einmal erwähnt haben, daß Philipps Jude ist. Gemerkt hat es aber das ganze Volk, denn als er vor der Königin den Eid leistete, und man ihm der Form halber das neue Testament vorlegte und ihn aufforderte zu schworen, schob er das Buch bet Seite, verlangte Hut und das alte Testament und ries aus: ״Ich schwöre es so wahr ich ein Jude bin und Gott ist mein Zeuge." Ich könnte Bogen voll über den festlichen Tag schreiben, be-