Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 12 (September 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-09-01
- Page
- 394 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Licht- und Schattenbilder.!394 ter war nicht erwacht, mit demselben glücklichen Lächeln lag sie noch .immer schlummernd da — Die! Erschütterung der Geschwister, als> die Mitthetlung vom Hinscheiden ihrer Mutter ihnen ward, war unbeschreiblich. Anfangs war es ihnen fast unmöglich, derselben Glauben zu schenken. Der Wechsel vom höchsten Glück zum tiefsten.Schmerz war zu plötzlich hereiugebrochen. Doch als nach einiger Zeit der erste wilde Schmerz in sanfte Trauer sich löste, da gewährte es ihnen ein nie endendes wenngleich schmerzliches Vergnügen, die letzten Stunden ihrer verblichenen Mutter sich zu vergegenwärtigen. Sie hatten den Vollgenuß des reinsten höchsten Glückes umfaßt, und in der Fälle des Dankgefühls gegen dm Spender dieses Glückes, das freilich durch Jahre des bittersten Kummers erkauft, war sie heimgegangen — Dank war ihr letztes Wort gewesen. Der Hochzeitstag war herangcuaht. Die seltsame Lebensgeschichte des Bräutigams war im Munde aller. Auch die Armen, die eben die Vorräume des Hochzeitshanses füllten, während das Brautpaar sammt Familie zur Trauung in der Synagoge sich befanden, erzählsie sich einander. Mit ausfallender Spannung lauschte ihr ein fremder Bettler, der auf einer der obersten Stufen an das Treppengeländer lehnte. Was mochte den Mann ergreifen, daß er so erbebte?" — War es das Erniedrigende seiner Stellung? — Bessere Tage hatte er frei-!ich gesehen. Bis vor ungefähr zwei Jahren von einem Bruder unterhalten, der an einem fremden Hose eine hohe Stellung eingenvmmen, hatte er der Sorgen wie der Arbeit sich längst entwöhnt. Und als sein Ernährer nun plötzlich eines Verbrechens beschuldigt deportirt wurde, vermochte er nur durch die schleunigste Flucht dem gleichen Schicksal sich zu entziehen. — Ohne Mittel, ohne Familie, ohne Freunde und ohne Thatkraft blieb ihm nichts anders übrig, als als vagabundirender Bettler die Welt zu dmchstreichen. Eine Hochzeit in reichem Hause ist für derart Leute ein stets willkommenes Ereigniß. Dieser jedoch schien sie nicht nützen zu wollen, denn obgleich die Neuvermählten noch nicht heimgekehrt, die Gabcn noch nicht ausgetheilt waren, rannte er doch die Stiegen hinunter als gelte es sein Leben zu retten.