Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-06-01
- Page
- 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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[ 284 Licht- und Schattenbilder. j ' Gericht und Veranlagte die Behörden, unverzüglich telegraphische Be-- fehle nach allen Richtungen auszusenden. Daß in Folge davon der Knabe angchalten worden, ist bereits erwähnt. AlS am selben Abend noch die Nachricht von seiner Vcrhaftung eintraf, sandte das Gericht sogleich weitere Ordre. Am folgenden Tage wurde der unglückliche Knabe unter sicherer Bedeckung nach einem fern von der Grenze gelegenen Ort geführt und hier zu einem pietistischen Schuster in die Lehre gelhan und dieser streng beauftragt, dafür zu sorgen, daß sein Lehrling die Betstunden fleißig besuche. Arnolds Gemüthszustand zu schildern, ist unmöglich — Verzweiflung drohte sich seiner zu bemächtigen, und nur der feste Vorsatz, die Flucht wieder und immer wieder zu versuchen, hielt ihn aufrecht. Doch der Meister, der die gemessensten Befehle erhalte», dem reicher Lohn verheißen war, ließ ihn nicht aus den Augen. Zn namenloser Qual schlichen ihm die Tage dahin; die Woche verging, ohne daß er auch nur einen Schritt aus dem Hause hätte wagen können. Aber vom Fenster aus ruhte sein Blick häufig auf dem kleinen Schilde des gegenüberliegenden Hauses. Die Aufschrift vr. Hertz Advokat, las er immer und immer wieder — Hertz, das mußte ein Jude sein, noch nie hatte er einen Christen so nennen hören — wenn er diesen Dr. Hertz nur ein einzigesmal sprechen könnte — erhalte ' ihn noch nie gesehen, aber mit eigenthümlicher Zuversicht hoffte er durch ihn auf Rettung. Der Sonntag kam, der Schuster that seine Pflicht, er forderte vom Lehrling, daß er ihn in die Betstunde begleite; doch dieser Weigerte sich •— der Meister lackte; einfältiger Bursch der ihm Trotz bieten zu können glaubte. Ein Schlag, — ״wirst Du gehen?" ״So lange ich lebe nicht!" So ging's fort, bis der Lehrling endlich blutend zu Boden stürzte. Der Schuster hielt ihn für bewußtlos, ״Na, für jetzt hat der genug," wandte er sich an seine Frau, ״das nächste Mal wird er schon mürber sein. Aber jetzt komm' Lene, es ist spät; die Brüder werden schon versammelt sein." Das fromme Ehepaar verließ das Zimmer und schloß die Thür hinter sich ab.