Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 6 (März 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-03-01
- Page
- 196 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Licht- und Schattenbilder. ״Acrgerlich, Bertha, ist kein Ausdruck, wenn es um Gesetze sich handelt, die Gott uns gegeben." ״Ich bitte um Entschuldigung, lieber Vater, aber ich wollte nur sagen, daß es doch sehr unangenehm ist, Dinge thun oder lassen zu müssen, ohne zu wissen warum." ״Ja, ich denke, Du weißt warum, weil Gott cs so will." ״Ja, aber ich meine, ich thäte Alles noch viel lieber, wenn ich wüßte, warum cs Gott so will; Du nicht auch Vater?" ״Ich, mein liebes Kind. Im Gegenthcil; ich muß gestehen, daß es mich innigst freut, so manche Gesetze beobachten zu müssen, deren Grund mir nicht bekannt. Hätte Gott uns z. B. gesagt: esset diese und jene Speisen nicht, sie konnten euch schädlich sein, oder am Sabbath sollt ihr ruhen, ihr konntet euch sonst überarbetten, oder das Geschäft, das ihr am Sabbath unternehmet, wird euch mißglücken, euch arm machen: wäre es da wohl ein Verdienst, solche Gebote zu beobachten? Kann man einen Menschen wohl gut .nennen, weil er Giftpflanzen nicht genießet? Nun steh —״ Eine hcreintretende Dienerin unterbrach das Gespräch; sie meldete, eine Frau wäre draußen und wünsche den Herrn zu sprechen. Ucberrascht über ein Anliegen zu so ungewohnter Stunde, befahl Wolff, die Fremde in's Vorzimmer zu führen und begab, sich selbst dorthin. Aber wie erstaunte er, als er statt einer dürftigen Hilfesuchenden, wie er erwartet, eine zwar einfach, aber sehr anständig gekleidete Dame vor sich sah. Sie hatte den Schleier zurückgeschlagen, und zeigte ein Antlitz, das noch Spuren großer Schönheit trug; beim trotz der fast geisterhaften Blässe und des Ausdrucks unendlichen Grams, mußte man noch immer lieblich es nennen. Wolff reichte ihr einen Sessel. ״Sie wünschten mich zu sprechen?" ״Habe ich die Ehre Herrn Abraham Wolff —" ״Dieß ist mein Name. Worin kann ich Ihnen dienen, Madame?" ״Ich muß zuerst um Entschuldigung bitten, daß ich cs wage, zu so unstatthafter Stunde Sie zu stören." ״Bitte, bitte." ״Aber ich bin kaum eine halbe Stunde vor Beginn des Sabbaths hier angekommen, und meine Ungeduld, meine Unruhe ließen mich bis morgen nicht warten." Sie hatte mit sichtbarer Anstrengnng gesprochen, und preßte nun die Hand auf's Herz, als wollte