Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 6 (März 1864)
- Article
- Zum Kompert'schen Preßprocesse
- Date
- 1864-03-01
- Page
- 192 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Zum Kompert'schen Preßprozeß. buchstabgläubige Karaiten und in ״denkgläubige biblische" unterschieden, welche letztere, wie Heß bemerkt, bet Auslegung der heil. Schrift ״nur der von Wissenschaft und redlichem Forschungsgetste ״geleiteten Vernunft" folgen — —. Wie läßt sich ferner die Existenz einer Spaltung in der Jndenheit in Abrede stellen, wenn wir uns des Aufrufes erinnern, der im Jahre 1845 von 150 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Berlin erlassen wurde, und in dem dieselben ganz offen erklären: ״das alte rabbinische Ju- ״denthum mit seiner festen Basis hat keine Basis mehr in ״uns... Wir können nicht mehr Gebote beobachten, die keinen ״geistigen Gehalt in uns haben, und nicht einen Codex als unver- ״änderliches Gesetzbuch anerkennen, der das Wesen und die Auf- ״gäbe des Judenthums bestehen läßt in unnachsichtlichem Festhalten ״an Formen und Vorschriften, die einer längst vergangenen und für ״immer entschwundenen Zeit ihren Ursprung verdanken." Nach dieser Erklärung, die nicht blos als die Anschauung jener 150 Mitglieder der Berliner Gemeinde, sondern, wie die in so vielfacher Weise sich kundgebende Verletzung der göttlichen Gesetze zeigt, als der treue Gestunungsausdruck einer großen Anzahl unserer jüdischen Zeitgenossen zu betrachten ist, kann über den Riß, der die Jude» der Gegenwart theilt, kein Zweifel mehr vorhanden sein. Wir bedürfen aber, um die Spaltung zu erkennen, welche faktisch im Schooße der Judenhcit etngetreten ist, nicht eines vor 27 Jahren erschienenen Journalarttkels und nicht des Ausrufes der Berliner Reformgenvssenschaftder Inhalt der verschiedenartigen literarischen Erzeugnisse, der Zeitschriften und Broschüren, der Katechismen und theologischen Gutachten, die im Dienste der Reform erschienen, die Protokolle der in den Jahren 1844—1847 stattgefundenen Rabbinerversammlungen — das sind Dokumente, welche den Zwiespalt, der im jüdischen Kreise besteht, in seiner ganzen Tiefe und Verbreitung uns zeigen. Noch anschaulicher aber als diese schriftlichen Beweise laßt uns das Leben diese Spaltung erkennen, die bereits eine solche Intensität erhielt, daß sie nicht blos im Privatsondern auch im Gemetndeleben sich kundgibt. Wir erinnern daran, daß in Frankfurt a. M., Mainz, Stuhlweißenburg, Darmstadt, die gesetzestreuen Juden sich mit den größten Anstrengungen, mit den bedeutendsten