Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1863-1864)
- Issue
- Heft 2 (November 1863)
- Article
- Worte, am 18. Oktober 1863 in der Synagoge der israel. Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. gesprochen
- Date
- 1863-11-01
- Page
- 44 (sequence 4)
- Language
- German
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44 Worte am 18. Oktober 1863 re. gesprochen geglaubt, das Bewußtsein des Rechtes zum erstenmal in großem Triumphzuge einzog in die Gemüther der Menschen. Es find nun bald dreiviertel Jahrhunderte, als im fränkischen Reich, wo, wie also nirgends sonst in׳ schreiendem Maße die Herrschaft der Gewalt und der Unsitte ihren Thron aufgeschlagen hatte, wo Gewalt und Unsittltchkett das Scepter führten und des Volkes Glück und der Menschen Heil für Nichts geachtet wurde, nur gut genug um Straßen- Pflaster zu werden für die Triumphwagen der Herrscher mit ihren Buhlen, — als in diesem Reich, wo die Gewalt und die Entartung ihr höchstes Ziel gefeiert hatten, in Einer denkwürdigen Nacht das Recht in die Brust der Sterblichen einzog, jenes Recht, das vom Sinai aus seinem Volke in die Hand gegeben war, jene Wahrheit von der unverlierbaren Würde des Menschen, von dem Gottesadel, der dem Galeeren-Sklavcn noch unverlöschbar aufgedrückt bleibt, von jenem Recht, für welches der Fürst auf dem Throne nicht zu hoch und der Bettler an der Karre nicht zu niedrig ist. Es sind nun bald dreivtertel Jahrhunderte, als das Bewußtsein dieses unverjährbaren Menschenrechts und dieser unverlierbaren Menschenwürde auf sränktschem Boden in die Gemüther der Menschen einzog und in Einer denkwürdigen Nacht nicht die Gedrückten, nicht die Rechtsuchenden, nicht die das Recht Entbehrenden, sondern die Vorrecht Genteßenden dieses Vorrecht als Unrecht erkannten und von ihneu zerrissen wurde der Freibrief der Gewalt für alle Zetten und ausgesprochen wurde:'Alle Menschen sind vor Gott gleich geadelt, vor Gott gleichberechtigt, und nur das Recht der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit der Menschen ist es, das fortan die Pflichten der Menschen gebieten und die Ordnungen und Gesetze der Volker zu schreiben haben solle. Es war in jener denkwürdigen Nacht vor dreivtertel Jahrhunderten, in welcher die privilegirten Stände einer entarteten Nation, dem Rechte einen Triumph, wie noch nie zuvor und wie lange nie nachher, bereiteten, und eben damit zeigten, wie der Geist der Wahrheit und deS Rechts unverlierbar in der Brust des Menschen lebe und webe, und mit eben dieser Verkündigung der Menschen- und Bürgerrechte in einem einzigen Schlage die Throne der Gewalt, auf welchen entartete Fürsten mit ihren Buhlen um das Wohl und Wehe ihrer Volker gewürfelt hatten, in Staub und Trümmer warfen. Das war eine von jenen Stunden, in welchen Gott einzieht in die Geschichte.