Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1862-1863)
- Issue
- Heft 7 (April 1863)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1863-04-01
- Page
- 322 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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I22 Aus der Grgenwm ״Sprechen Sic deutlicher." ״Ihre Frau Gemahlin leidet, leidet häufig sehr, aber mehr noch als ihr Körper scheint ihre Seele zn leiden, und daß dieses Seelcnleiden das Körperliche, wenn auch nicht gerade veranlaßt, so doch sicherlich vergrößert, das steht fest." ״Also Sie behaupten die außerordentliche Schwäche meiner Frau, alle die Schmerzen über die sie freilich nicht klagt, die sie aber dennoch oft so sehr martern, seien nur die Folgen eines leidenden Gemüths?״ ״Verzeihen Sie, Herr von Lilienfeld, das habeich nicht gesagt. Die Wechselwirkungen der Seele und des Körpers aufeinander sind eben so groß als unerklärlich. Wer könnte z. B. sagen, warum das Blut den Wangen entweicht wenn den Menschen, doch eigentlich nur die Seele, Schrecken ergreift? Warum der Geist nicht denken kann, wenn das Gehirn angegriffen ist? Oder woher es kommt, daß Menschen, die viel Kummer haben, an Herzübeln zu leiden pflegen? Doch ünscre Erfahrung lehrt uns, daß dem so ist. Das heiterste Gemüth kann durch körperliche Schmerzen verbittert werden, aber auch der stärkste Körper kann durch Seelenleiden ein siecher werden." ״Aber hier irren Sie sich, Herr Doktor, meine Frau fühlt sich glücklich, deß bin ich gewiß, ihre schwache Constitution hat sie von ihrer Mutter ererbt, die Commerzienräthin Beer ist ja auch immer leidend." ״Ich habe Ihnen mitgetheilt, wozu ich mich als Arzt verpflichtet hielt. Darin mögen Sie übrigens Recht haben, hätte Frau von Lilienfeld eine kräftigere Natur, die Leiden ihrer Seele würden viel׳- leicht ihre Gesundheit nicht beeinträchtigen; mit Bestimmtheit aber behaupte ich: befände sich Frau von Lilienfeld in ungetrübter Gemüthsstimmung, ihr körperliches Leide» wäre leicht zu heben. Doch meine Zeit drängt, leben Sie wohl, Herr von Lilienfeld." Arthur bemerkte es kaum, daß der Doktor sich entfernt, sinnend stand er da. ״Bella sollte sich nicht glücklich fühlen? — Zhr Glück ist der Zweck meines Lebens, ihn sollte ich verfehlt haben? — Nein, nein, das ist nicht möglich. Aber so machen sie es alle wenn sie mit dem Körper nicht fertig werden können, schieben sie es auf die Seele, das ist das Bequemste. Arme Bella, wenn ich Dir nur Helsen konnte."