Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1862-1863)
- Issue
- Heft 6 (März 1863)
- Article
- Aus der Gegenwart
- Date
- 1863-03-01
- Page
- 264 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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264 bei uns. — Aber mein Vater starb so frühe und der Gram um ihn brach meiner Mutter Herz. Ich sah es nicht, wie man sie zu Grabe trug, der wilde Schmerz hatte mich betäubt, und erst später, erfuhr ich, daß man damals auch für mein Leben bangte. — Metner Mutter einziger Bruder, der Banquter K. in Dresden, Wat aus die Nachricht - von dem Tode meiner Mutter sogleich herbeigeeilt. Meines Vaters Verwandte wohnten fern von unserm Orte, waren arm und mittellos und so war denn dieser Oheim der Einzige, der sich mit herzlicher Theilnahme meiner annahm. Er hatte meine Mutter zärtlich geliebt, und mit väterlicher Sorgfalt nahm er sich ihres verwaisten Kindes an. Viel, sehr viel verdanke ich ihm, mehr als ich ihm je werde vergelten können, aber es giebt Stunden, in denen ich glaube, daß Alles, was er an mir gethan hat, nicht den zehnten Theil von dem aufwtegt, was er mir geraubt hat. — — " Er schwieg und blickte gedankenvoll vor sich nieder. Nach einer Weile fuhr er fort: ,Mein Oheim nahm mich mit sich nach Dresden in sein großes schönes Haus. Alles war mir hier fremd, meine vornehme Tante, meine schönen Cousinen, diereichgekleihetenBedienten, die prachtvoll möblirten Zimmer und Säle, die herrliche Equipage mit den feurigen Rappen. Alles gefiel mir außerordentlich. Aber mit schmerzlicher Sehnsucht gedachte ich des gegen diese Pracht fast ärmlichen Vaterhauses. Als nun endlich der Freitag Abend kam und das Zimmer zwar von mehr als zwei Lichtern erhellt war, aber meine Cousine sich wie gewöhnlich an den Flügel setzte, und meine Tante zu ihrer Stickerei griff, da stürzte ich auf sie zu, faßte die Hände meiner Cousine und hielt sie etsenfcst. Es ist ja Sabbath heute und sie wollen ihn entweihen, ries ich dem eben eintretenden Onkel entgegen. Was giebt's, liebes Kind? fragte er freundlich und blieS den Dampf seiner brennenden Cigarre von sich.— Sprachlos starrte ich zu ihm hin, und alle drei sahen einander lächelnd an. Aber wenn ihr den Sabbath entweiht, schrie ich endlich zitternd vor Aufregung, kann man denn bei euch essen, esset ihr denn nicht auch unerlaubte Speisen?—Schmeckt dir unser Essen nicht? fragte meine Tante und zog mich freundlich zu sich aufs Canapee. Widerstrebend folgte ich. Ob es mir schmeckt oder nicht, das ist ganz einerlei, rief ich, aber ich wollte lieber Hungers sterben als Verbotenes essen. Ein wackerer Knabe, sagte mein Oheim, liebkosend seine Hand auf