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Jeschurun · 1862-10-01 · Heft 1 (Oktober 1862) · p. 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1862-1863)
Issue
Heft 1 (Oktober 1862)
Article
Pädagogische Plaudereien
Date
1862-10-01
Page
19 (sequence 2)
Language
German
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Pädagogische Plaudereien- 19', ganz treffend die Volkssprache nennt, und es würbe sich, wie alles Unwahre, die Unwahrheit unserer Meinungen von dem sittlichen Werthe unserer Kinder an uns und an ihnen aufs bitterste rächen. Gleichwohl wiederholen wir den Satz: wir können nie eine zu gute Meinung von unfern Kindern haben. Uns erzählt einmal ein Rabbiner, der in seiner langen Laufbahn in den verschiedensten Ländem nicht unbedeutende Posten bekleidet, und sich überhaupt viel im Verkehre mit Menschen nicht ohne heilsamen Erfolg thätig bewiesen hatte: so oft ich einen Beruf in einem neuen Kreis von Gemeinden antrat, — und Sie wissen, daß mein Geschick mich wiederholt diesen Wechsel bestehen ließ — fanden sich jedesmal freundlich geschäftkge Geister bei mir ein, die mir den — wie sie meinten — für ein segensreiches Wirken wichtigen, ja unumgänglichen Dienst erweisen wollten, mich mit allen Charaktcr-Specialitäten der Glieder meiner neuen Gemeinden bekannt zu machen. Ich fand einmal sogar ein ganz fertiges Namenregister mit der entsprechenden Charakteristik eines jeden Einzelnen vor. Es war das meist in guter Absicht. Ich habe mir aber zu ihrem nicht geringen Erstaunen jedesmal diesen Freundschaftsdienst verbeten, weil ich der Ansicht war, und gottlob noch bin, daß zu einem bildend-erziehenden Einfluß auf Gemeinden eine zu genaue Kenntniß der einzelnen Charaktere oft mehr hinderlich als förderlich ist, und man sicherer in allem Guten und für alles Gute sein Ziel erreicht wenn man die Menschen behandelt nicht nach dem was sie sind, sondern nach dem was sie sein sollen. Setzen wir als selbstverständlich voraus, daß die Menschen, die wir für ein ehrbares, rechtschaffenes, sittliches, menschenfreundliches, opferheischendes, pflichtgenügendes Ziel gewinnen möchten, ehrbar, rechtschaffen, sittlich, menschenfreundlich, opferfreudig, pfltchtgetreu sind, legen wir es an den Tag, daß wir sie uns gar nicht anders denken: und bet weitem der größte Theil. der Menschen wird sich scheuen diese gute Meinung etnzubüßen, sie werden im fortgesetzten Lebensverkehr mit uns den Charakter zum Heile der Gesammtheit bewahren, den wir bei ihnen vorausgesetzt, und diese Bethätigung löblicher Charakterseitcn im Gemeindeleben wird nicht eben nnvortheilhaft für den Charakter der Betreffenden an sich bleiben. So dachte ich wentgstenö von Anfang an bei dem Antritt meines Wirkens mit Men-

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