Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 7 (April 1862)
- Article
- Nissan : Pädagogische Plaudereien [Nachricht]
- Date
- 1862-04-01
- Page
- 321 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Pädagogische Plaudereien. 321 wissen, aber ein jüdischer Gelehrter, ein jüdischer Weiser wird er nimmer werden, ja er wird in die jüdische Wissenschaft, in' die jüdische Weisheit nicht einmal die erste rechte Einsicht gewonnen haben, und mit allem seinem Lernen und Wissen wird ihm die Wahrheit mit sieben Siegeln verschlossen bleiben, weil er die rechte Pforte verfehlt und nun den Schlüssel zur Pforte verloren. Und dieses jüdische Credo, es sind nicht aus dem Retorten- Niederschlag speculativer Gedankenexperimente aufgclcsene Elemente, es sind nicht aus aller möglichen Speculation zusammengcklaubte Heischsätze sogenannter transcendentaler Wahrheit über die Einheit und Wesenheit Gottes, über die Unsterblichkeit der Seele re-, es sind auch nicht sogenannte Offenbarungs-Wahrheiten über Gott und Jenseits, über Auferstehung und Erlösung «. Das jüdische Credo ist lebendig wie das Leben und ist conkret wie die Welt. V״N עבדים, Sklaven waren wir u. s. w. Mit dem, was unsere eigenen Sinne erfahren, mit den Erlebnissen unserer eigensten, besondern, heimischsten Welt beginnt das jüdische Bewußtsein. Nicht mit dem, was unsere Philosophen aus der Welt über Gott erschlossen und erträumt, sondern mit dem, was wir selbst an uns und an unserm engern Kreis von Gott ersehen und erfahren, und vor Allem mit dem, was eine solche Erfahrung und Erlebniß für immer als Bestimmungscharakter unserm ganzen Wesen aufgcdrückt, damit baut Gott das innere Leben seiner Sohne auf. Wir waren Sklaven, und wir waren nicht Privatsklaven, denen Menschengewalt die Freiheit geraubt und Menschenmilde die Freiheit wiedergebcn kann, wir waren Pharaorensklaven in Egypten, dem Staate angehörig, vom Staate dnrch Geburt dem Sklaventhum überwiesen, hatten somit nicht nur Alles, was den Menschen zum Menschen macht und den Bürger zum Bürger, faktisch etngebüßt, sondern man hatte mit dem Paria-Stempel der angebornen Unfreiheit unser ganzes Menschenwesen von vornherein geächtet, wir waren die Kaste der Verworfenen in dem egyptischen Mcnschen-Register,—da machte Gott, Gott, dem im Himmel und auf Erden jeder werdende Hauch angehört, da machte Gott uns frei, aus Egypten frei, mit ge? waltiger Hand uns frei — da lernten wir Gott als den Höchsten und Nächsten, als den Gewaltigsten über allen Gewaltigen und als den dem'Niedrigsten unverlierbar Nahen, nicht als den Gott ver-