Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1860-1861)
- Issue
- Heft 11 (August 1861)
- Article
- Frankreich : Jüdische Zustände in Frankreich ... [Nachricht]
- Date
- 1861-08-01
- Page
- 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Und wenn man sie, die um ihres Jndenthums willen dekorirt worden, vielleicht in einem Salon ,fragen wird, auS welcher Veranlassung ihnen diese Ehre geworden, so antworten sie wohl: Wir haden dem Papste Dienste geleistet! Es wäre zu wünschen der Herr Kultusminister würde, bevor er die Gesuche dieser Leute bewilligt, sie fragen, was sie. denn in der That für die Religion gethan, wofür sie eine Belohnung beanspruchen. Das französische Judcnthum lebt kaum noch sein eigenes Leben. Voller Kraft und Stärke während zwanzig Jahrhunderte schrecklichster Verfolgungen, die Flammen der Scheiterhaufen und die Schranken reißender Thiere unberührt durchschreitend, mitten unter Schutt und Trümmer Gott feine Altäre errichtend, kann es im Schoße der Freiheit nicht mehr allein gehen! Seine Tempel und Unterrichtsanstalten werden größtentheils von. der Stadt und dem Staate gebaut und unterhalten. Nicht mehr wie in der Wüste wohnt Israels Gott in einem von der Liebe, den Spenden und Opfern seiner Kinder errichteten Zelte, sondern in einem Staatsgebäude, das die OrtS- und Regierungskasse, oder die Kaffe von Aktionären versorgt, die auf fette Dividenden spekuliren und denen ein Shnagogenbau ein industrielles Unternehmen ist. Und die modernen Bileame, die zur Zeit unseres Unglücks und unserer Leiden oft bei»! Anblick lenserer herrlichen Synagoge ausrtefen: ״Wie schön sind deine Zelten Jakob!" sagen heute, mitten in unserer Freiheit und unserm Reichthum: ״Ach, da hat doch die Stadt einen schönen Tempel den Juden bauen lassen! Der Architekt der Kathedrale hat da eine prächtige Synagoge entworfen und ansgeführt!" Wahrlich, der Gott unserer Väter kennt Israel in seinem Heiligthum nicht mehr; es sind dort nur noch wenige Spuren unserer Liebe und unserer Anbetung; Alles ist fremd geworden, die Opfer und die Gaben, die G sänge und die Gedanken, das Gold, der Marmor und die Herzen! ״Da ist das Holz und das Feuer; aber wo ist das Opfer?" Unsere Rabbiner sind Staatsdiener. Sie erhalten die Mittel ihrer Existenz vom Staate und werden daher leicht veranlaßt mehr an die Regierung als an ihre Gemeinden zu denken, mit viel größerer Innigkeit für das Gedeihen des Volkes zu beten, das ihnen zu leben giebt, als für die sittliche» und geistigen Fortschritte ihrer Brüder thätig zu arbeiten. Sie sind nicht mehr wie Moses Diener Gottes, sondern Angestellte des Staates und die Israeliten sind nichts mehr als ihre Heerde Was unsere Consistorien betrifft, vor Allem die Mitglieder des Centralconsistortums, so kann man laut behaupten, sie seien mehr Agenten der Macht, als Organe der Juden. Sie beschäftigen sich tausendmal mehr damit alle administrative und geistliche Autorität