Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1859-1860)
- Issue
- Heft 2 (November 1859)
- Article
- Marcheschwan
- Date
- 1859-11-01
- Page
- 68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Marcheschwan. 1 i wie sehr ist aber gerade es das wirkliche eigentliche Leben, durch j welches alle Festtage, Festwochen und Festmonate ihren Werth und! ihre Bedeutung erhalten und in welchem gerade alle die Früchte j reifen sollen, zu welchen jene Festzetten ja nur die Saat streuen; und die Keime wecken konnten — und wie sehr haben ״unsere Weii sen" — und vor Allem sei dafür ihr Andenken gesegnet — es ■j verstanden jene Saaten und Keime des Geistes und der Weihe mit hinüber in den Kreis des alltäglichen Lebens zu verpflanzen und : dieses alltägliche Leben selbst, mit Allem was uns in demselben j in näherer oder fernerer Beziehung trifft und berührt, zu einem sich j unerschöpflich ergießenden Strome der Weckung und der Weihe, des Geistes und der Kraft zu umwandeln!;1 Hoch unter Allem glänzt hier ihre Institution der Beraj choth hervor, mit welchen sie den ״Gottesdienst" aus dem Umkreis f der Tempel und der Altäre in den Kreis der Lebenserscheinungen j und Erfahrungen, in die Bahn des genießenden und schaffenden ■] Lebens zu versetzen gewußt und jeden Moment des Daseins selbst; zu dem unbesoldeten und — im doppelten Sinne — nimmer er- - müdenden Almosenier, Haus-, Feld- und Reise-Prediger zu beste!-! len. Sie wußten was sie mit dieser ihrer Institution ihrem Volke Unschätzbares geschaffen und sprachen im wohlberechtigten Vollgefühle des ganzen Werthes ihrer Schöpfung: ״Wer immer fortschretten will zu dem hohen Ziele sittlicher Vollendung, der achte auf die Institution der Berachoth — האי מאן רבעי למהוי חסידא לקיים מילי דברכוח —", und wenn etwas den Juden unter Ntchtjuden kennzeichnet, so sind es eben diese Berachoth im Munde des Juden. Dasselbe Leben umrauscht den nichtjüdischen, wie den jüdischen! Menschen, dieselbe Natur mit ihrem Ernst und ihrer Lieblichkeit, | mit ihren Schauern und Wonnen, dasselbe Menschengeschick mit all' jj seinen freudvollen und leidvollen Geschehnissen und Erfahrungen,? umfängt den Nichtjuden wie den Juden: allein nur der Jude hält beim Donner und der Blüthe, bet dem Schmerz und bei der Freude tnne, und blickt aus jedem Weh und jeder Wonne, über jede sinnliche Erscheinung und Erfahrung zuerst zu dem Unsichtbaren Einen empor, als dessen Herolde und Boten jede Erscheinung und jedes Geschehniß an ihn Hinantritt, und gewinnt in diesem Hinaufblicke immer auf's Neue das Bewußtsein seiner eigenen Stellung und sei-