Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1859)
- Article
- Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
- Date
- 1859-06-01
- Page
- 486 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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486 Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart. ber, aber wo Nichts ist, da kann Nichts werden. Ein Schnetdexgeselle ist aber noch nie Meistrr geworden ohne eine Handvoll Louisdor. Sie hat auch Nichts. Bei dieser Betrachtung blieb er stehen und so oft er mich während seiner langen Promenade durch das Zimmer denselben Gedankengang wiederholte, zu einem andern Resultate konnte er nicht gelangen. Moses Callmann war der Sohn eines armen Lehrers ans dem Lande und gedachte ursprünglich den Stand seines Vaters zu ergreifen. Die Erinnerung an eine vierzigjährige, mühevolle, nur mit den größten Entbehrungen gekrönte Lehrthätigkeit bestimmte aber den Vater seinem Sohne die Aussicht auf eine glänzendere Zukunft zu eröffnen. Er gab ihn deßhalb bei dem Schneider des Fleckens in die Lehre und nach beendeter Lehrzeit suchte Moses sein Heil i» der großen Stadt. Er fand auch endlich einen Meister, der ihn von der Arbeit am Sabbath und den Feiertagen dispensierte. Wer war glücklicher als Moses! Verdiente er doch so viel, wie er zu seinen bcscheideneu Bedürfnissen gebrauchte und lebte in der großen Weltstadt? Seit dem Abende aber an welchem er Sarchen Pollack von der Verfolgung des jungen Wüstlings gerettet, war seine Ruhe dahin. Das Bild des jungen Mädchens, das er freilich schon früher gekannt hatte, zu dem er aber jetzt in ein so nahes Verhältniß gerückt war, hatte sich unauslöschlich in seinem Herzen festgesetzt. Das Gefühl der Dankbarkeit, das ihm Sarchen so häufig zeigte und das mit großer Gewissenhaftigkeit ausgesührte Versprechen, sie jeden Abend nach Hause zu begleiten — dies Alles trug nicht wenig dazu bet, dieses Bild in lebhafteren Farben erscheinen zu lassen. Er war verliebt, vielleicht auch wieder geliebt; wenigstens glaubte er sich sagen zu dürfen, daß ein Geständniß seiner Neigung wohl nicht ganz unerwtedert bleiben wurde, obgleich er es nie versucht hatte jemals auch nur von Weitem auf die Lage seines Herzens anzudcntcn. Seine Mitgesellen hatte aber, trotzdem er Niemanden zu seinem Dertrauten machte, den Scharfblick zu bemerken, daß eine merkliche Veränderung mit dem stillen, jüdischen Gesellen vorgcgangcn sein müsse. Er war häufig so zerstreut, daß er die Aermel eines Rockes verkehrt annähte und war schon ein Mal im Begriffe gewesen, einen seinen sammetncn Rockkragen aus den obern Theil eines Beinkleides