Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1859)
- Article
- Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
- Date
- 1859-06-01
- Page
- 483 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Viertelchen. 483 gen ׳Mjjjett Handelsfirmen durch, Sie werden finden, daß ihre Iner Kinder armer Leute find, die sich vermöge ihrer Bildung und Erziehung emporschwingen konnten. Sehen Sie meine jungen Leute tm Geschäfte an, cs find Zöglinge der Armenschule. Bet Euch wurden sie arm geblieben sein wie ihre Eltern und eine Seltenheit ist es,.wenn eine Ausnahme stattfindet; bei uns ist beinahe der entgegengesetzte Fall die Ausnahme. Das ist die Folge, daß wir unsere Armen der Art unterstützen, daß wir den Kindern ihre Mutter erhalten können. — Ich hörte dieses ganze Gespräch mit an; Fischer konnte kein Wort erwiedcrn." Mit sichtlichem Interesse hatten die beiden Anderen dieser Erzählung zugehört, namentlich Frau Pollack, die ihre Arbeit ruhen gelassen, um ihre ganze, ungetheilte Aufmerksamkeit dem Lobe der jüdischen Mutter, das doch ihr auch mitgalt, widmen zu können. Sie wollte soeben daS Wort nehmen, als sich die Thür öffnete und ein junges Mädchen in Begleitung eines jungen Mannes etntrat. ״Um Gotteswillen, Sarchenleb wie siehst du aus! Was ist dir paffirt?" ries sie mit dem Ausdrucke des höchsten Entsetzens, als sie daS junge Mädchen erblickte. Sarchen aber war unfähig ein Wort zu erwiedern. Bleich und an allen Gliedern zitternd vermochte sie sich nicht aufrecht zu erhalten und sank einer Ohnmacht nahe ans einen Stuhl nieder. Mit der zärtlichsten, thätigsten Geschäftigkeit, die nur eine Mutter entfalten kann, war Riwke um ihr geliebtes Kind bemüht und wurde dabei aufs Kräftigste von ihrem Manne unterstützt. Dank dieser Anstrengung erholte sich Sarchen bald wieder. Ihre ersten Worte waren ״Herr Callmann, wie soll ich Ihnen danken?" Sie reichte ihre Hand ihrem Begleiter, der sie nicht ohne tief zu erröthen, sanft drückte. ״Ja, Herr Callmann ist eS," fuhr sie, sich zu ihren Eltern wendend, fort, ״Herr Callmann ist cs, der mich gerettet, ohne ihn, was wäre aus mir geworden?" ״Was ist dir denn zngekommen, liebes Kind," frug Herr Pollack, indem er die eine Hand über das Antlitz seiner Tochter gleiten ließ und die andere ihrem Begleichtcr reichte, ״waS ist denn Schreckliches passtrt? Herr Callmann erzählen Sie," wandte er sich an diesen, der bis jetzt das Stillschweigen noch nicht gebrochen hatte, sondern unverwandten Blickes auf seinen Schützling stumm da saß.