Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1859)
- Article
- Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
- Date
- 1859-02-01
- Page
- 266 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart. tn's Verderben stürzten, konnte gar nicht bei ihnen Platz greifen. j An eine anhaltende Neigung Jnlie's glaubten sie nicht; Levi wolli ten sie schon fern halten. — Nach und nach erholte sich Julie, aber ihre Kraft war gebrochen. Das heitere, lebenslustige Mädchen war verschwunden; milder Schwermuth lagerte auf ihrem holden Antlitze. Sie weigerte sich auch nicht länger, den Willen ihrer Eltern zu vollführen. Mit außerordentlichem Pompe wurde das Fest der Verlobung begangen. Julie war ja die einzige Tochter des reichen Banquiers!" ״Levi war inzwischen von seinem Chef fortwährend auswärts beschäftigt worden. Er überhäufte ihn mit Arbeiten; die wichtigsten Angelegenheiten ließ er durch ihn besorgen. Von London ward er nach Parts, von Paris nach Wien dtrigtrt. Er hatte mir mehrmals geschrieben und mich dringend gebeten, ihm jede Kleinigkeit aus dem Geschäfte und Hause zu berichten. Julien's erwähnte er nicht mit einer Sylbe. Ich befolgte auch pünktlich seinen Wunsch, um ihn nicht daran zu erinnern, daß sein Gehetmniß in mir einen Mitwisser habe. Die Verlobung blieb ihm natürlich nicht verschwiegen. Einen Tag, nachdem er diese Nachricht empfangen, erhielt mein Chef von unserem Correspondenten die Mitthetlung, daß Levi heftig erkrankt sei. Es wurde sofort der zweite Buchhalter htngesandt, die Geschäfte abzuwickeln. Langsam genas Levi. Er schrieb, er fühle sich zu schwach um im Geschäfte thätig zu sein und bitte um feine Entlassung. — Ein Vierteljahr später erhielt ich einen Brief von ihm aus New- Nork, in dem er mir nur seine Ankunft dort meldete. Es ist der letzte Brief, den ich von ihm gesehen." ״Julie war indessen Frau Commerzieurath R. geworden. R. war ihr stets ein besorgter, aufmerksamer Gatte und sie erfüllte ,ihre Pflichten gegen ihn in vollem Maße. Zu einem herzlicheren, innigeren Bündnisse ist es zwischen ihnen nicht gekommen. Auch wollte die ernste, schwermüthige Stimmung nicht von ihr weichen. Vielleicht, daß der Kindersegen hier einen wohlthätigen Einfluß geübt hätte, aber der Himmel versagte ihr das süße Gefühl Mutter zu sein." ״So mochten neun Jahre verflossen sein. Julie reiste mit ihrem Manne zum Besuche der Eltern. Da ereignete sich auf dem Bahn-