Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1859)
- Article
- Die sog. jüdische Orthodoxie und die Rückwärtsbestrebungen der Jetztzeit
- Date
- 1859-01-01
- Page
- 212 (sequence 5)
- Language
- German
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212 Die sog. jüdische Orthodvrte gleichberechtigtes Glied der großen Kette da, die die Allgesammtheit umschlingt, die Leistung des Armen, wenn sie auch noch so gering, aber nur der Ausdruck dessen ist, was die Gesammtheit von ihm zu fordern berechtigt, gilt vollkommen gleich der des Neichen, welcher der Gesammtheit bet weitem mehr schuldet; jeder Einzelne, der Reiche wie der Arme, vermag freilich immer nur ein Bruchtheil zu leisten und erst aus der lebendigen Vereinigung Aller geht als letztes Produkt die Gesammtheit, der Staat hervor, der allein im Stande ist alle die großen und heiligen Pflichten zu übernehmen, die er nach Innen — seinen Bürgern, nach Außen dem Gesammtveretn der Staaten — der Menschheit im großen Ganzen zu leisten schuldig ist*). Sollten das nicht Lehren, die in de» nach Freiheit strebenden Verfassungen der heutigen Zeit vielleicht noch ihre Verwirklichung zu finden, nicht Ziele sein, die als die idealen Strebepunkte dem legislatorischen Geiste der Neuzeit stets und immer vorzuschweben hätten?! Tragen diese wenigen, aufs Gerathewohl herausgegriffeucn Punkte, die uns auch nur in den allgemeinsten Umrissen zu sktzziren gestattet ist, den Stempel der heutigen Umkehrpartei, oder kündigen nicht vielmehr selbst sie schon Vernichtung allen den Bestrebungen, die wieder das alte Unrecht und die alte blind zu tappende Gewalt im Völkerleben zur Geltung bringen wollen? Und wie so das alte sog« orthodoxe Judenthum rein und erhaben dasteht, und in der schärfsten Entschiedenheit jedes Zusammenwersen mit den Parteibestrebungen des Despotismus und der privilegirten Gewalt als das schreiendste Unrecht proklamirt, das je einer Institution auf Erden zugefügt: so weist es mit noch größerem Abscheu und noch tieferer Entrüstung die aufgedrungene Solidaritat mit all den pietistischen und hierarchischen Geburten der Letztzeit als die größte ihm angethane Schmach zurück. Ihm völlig fremd — und erst aus den Bestrebungen anderer Kreise und erst in neuerer Zeit von unkundigen Händen auch in es hineinzutragen versucht — ist die ganze Kluft und Scheidung zwischen Klerisei und Laienvolk. Das Judenthum, das alte orthodoxe Judenthum ist feind allem hochmüthigen Pfaffenthum, kennt keine De- ') Vergl. ״Jcschurun": Die Schekalimlehre. Jahrg. 1. S. 250.