Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1859)
- Article
- Der Jude in der Literatur
- Date
- 1859-01-01
- Page
- 204 (sequence 2)
- Language
- German
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204 Der Jude in der Literatur. Tempelmauer und die Gräber der Könige geben Kunde von der ehemaligen Blüthe des jüdischen Reichs; — jeder Jude ist der lebendtge Repräsentant der ehedem mächtigen Nation und legt ein sprechenderes Zeugniß für die Wahrhaftigkeit der historischen Uebcrlieferungen ab, als Pyramiden und Keilschriften es je vermögen. Gr erfüllt noch heute dieselbe große Nationalaufgabe, die der jüdtsche Staat im Großen zu erfüllen hatte: er ist Träger des göttlichen Gesetzes, Bewahrer der einzigen wirklichen Urkunde der Entstehung der Welt, Verkünder der einen großen Wahrheit: es ist ein Gott. Das Christenthum mit seinen vielfachen Schattirungen, der Islam und die verschiedenen Systeme der Philosophie — sie alle sind aus dem Gesetze, aus der Lehre, deren großer Prediger der Jude ist, hervorgegangen; das Reine, Wahre, Hohe und Heilige, das sie enthalten, ist sein Werk; und während die ganze Welt in den verschiedensten Zeiten wähnte, das Judenthum habe seine Aufgabe erfüllt und werde nunmehr nach gethaner Arbeit das Zeitliche segnen, bestand und besteht dasselbe, wie sein Verkünder, der jüdische Stamm, in urkräftiger Blüthe und alle diese neuen Schöpfungen sind nichts Anderes als Schößlinge, die der ewig junge Stamm getrieben. Wie der jüdische Staat mit seinen abnormen, cigenthümlichen Institutionen, so ist jeder Jude noch heute ein Merkzeichen, das aus Den hinweist, der Himmel und Erde geschaffen und die Gänge der Entwickelung der Menschheit eben so wohl in seinen Händen hat, wie den Wechsel der Jahreszeiten. Wenn so das jüdische Volk und sein Gesetz seine ursprüngliche Eigenthümlichkeit bewahrt hat und dadurch der Beobachtung der Denker aller Zeiten nicht nur, sondern überhaupt eines jeden Menschen ausgesetzt ist; wenn sein Charakter so ausgeprägt und es weder in einen Winkel der Erde zusammengedrängt, noch in eine Kaste . htnetngezwängt ist, sondern in jedem Lande, jeder Stadt, beinahe in jedem Weiler, in Palästen wie in Hütten der Jude unter dem verschiedensten Gewände erscheint: da sollte man glauben, wäre Nichts so klar erkannt, wie das Wesen des Juden und des Judenthums, Nichts so richtig aufgefaßt, wie sein Charakter, seine Nationalität, da wäre in der Literatur kein Verhältniß, keine Erscheinung mit solcher Treue dargestellt, wie der Jude. Galt es doch hier nicht vergilbte Urkunden hervorzusuchen, vergessene Sprachen zu enträthseln,