Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1859)
- Article
- Der Bologneser Kindesraub
- Date
- 1859-01-01
- Page
- 202 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Der Bologneser Kindesraub. das Bewußtsein, daß der Boden unter den Fußen schwindet und die Welt doch nicht mehr im Glauben selig werden will, das ist es, was zu den verzweifeltsten Anstrengungen, zu den widerstnnigsten Entschlüssen treibt. Es ist der Kampf der Finsterniß mit dem Lichte, der Nacht mit dem Tage, der Verdummung mit der Aufklärung, der Geistesknechtschaft mit der Freiheit, und zwar ist es der letzte Kampf und darum so verzweifelt — Tod oder Leben gilt es. Wer endlich Sieger bleiben wird, das kann nicht zweifelhaft sein. In der Geschichte der Menschheitsentwickelung gibt es keinen Rückschritt, unaufhaltsam vorwärts treibt der Strom der Aufklärung; — wehe dem tollkühnen Schwimmer, der den mächtigen Wogen Trotz zu bieten wagt! Aber wir erkennen auch, daß das Morgenroth doch die Gemüther erhellet und die lauen Zephtre, die Verkünder der glücklichen großen Zukunft, schon die Herzen mit heiliger Wärme umfächeln. Ein Schrei des Entsetzens, ein Ruf der Entrüstung geht durch die Welt; ste steht mit Schrecken, welche Macht der Fanatismus noch besitzt und rüstet sich, seinen fernern Schlägen zu begegnen. Der Knabe Mortara wird schwerlich seinen Eltern zurückgegeben, die Klauen des Pfaffcnthums werden sich jetzt noch nicht offnen. Mögen die tiefgebeugten Eltern Trost in dem Bewußtsein finden, daß die Vorsehung sich gar verschiedener Mittel zur Belehrung und Erziehung des Menschengeschlechts ersieht und auch ihr Unglück sich dazu auserkoren. Der Jude steht aber noch als Zeuge und Ankläger der fanatischen Gewalt und des mächtigen Fanatismus vor dem Throne Gottes und dem Angesichte der Welt, und verkündet der Menschheit die Hcileszukunft. —