Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 6 (März 1858)
- Article
- Streitbare Juden im Mittelalter
- Date
- 1858-03-01
- Page
- 315 (sequence 1)
- Language
- German
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Streitbare Juden im Mittelalter. Von Karl Seifart. fAus der Zeüsiyrtft für deutsche Kulturgeschichte.) Es!finden sich in mittelalterlichen Gedichten und Schriften einzelne im Ganzen freilich seltene Spuren, daß ,die verachteten und verfolgten Inden durch Streitbarkeit und kriegerische Tüchtigkeit ihreu christlichen Zeitgenossen Achtung abgewannen. Dies fällt um so mehr ans, als im Allgemeinen sowohl im Mittelalter, wie auch in der Neuzeit ein kriegerischer Jude als eine contradictio in adjecto erscheint, und jüdische Helden höchstens nur in der Zeit der Richter, der Könige oder der Makkabäer gesucht werden. — Wie uns indcsi schon die Geschichte der mittelalterlichen Juden- Verfolgungen und Judcnbrände belehrt, ist die unmännliche Todesfurcht und Feigheit, welche man den Juden verwirft, kein Charakterzug dieses Volkes, der jo ourchgchend wäre, daß er nicht glänzende Ausnahmen zuließe. Das harte und schmachvolle Joch, welches die Juden im Mittelalter und in den nachfolgenden Jahrhunderten in den Staub druckte, mußte freilich, wie bei jedem in schmählicher Knechtschaft lebenden Volke, Kriecherei, Unmännlichkeit und ServiliSmus in den Gemüthern aufwuchern lassen. Bei aller Furchtsamkeit undUnterwürfigkeit konnte aber doch dieGrausamkcit derVersvlgungdieJudenzu heldenmüthigen Duldern und tapfern Streitern machen. Zahlreiche Nachrichten erzählen uns, wie verfolgte Inden den Feuertod der Taufe vorzogen, welche man ihnen aufzwingen wollte, wie sie aus brennenden und vom Feinde umtobten Häusern ihren Verfolgern in fanatischer Begeisterung zuriefen: Ich sterbe als ein rechter Jud! wie sie endlich auch an manchen Orten von dem bloßen Muthe des Dulden S zur kriegerischen That übergingen und den Verfolger durch tapfere Gegenwehr zurnckschlugen, oder wie sie mit den Waffen in der Hand!starben. Wenn Geldgier, Aberglaube und Fanatismus den Christen nicht gerade die Waffen zu Judenschlachten i» die Hand brückten, so mochten die Juden im frühen Mittelalter hin und wieder eine wenn auch nicht ungefährdete, so doch eine geachtetere gesellschaftlicke Stellung einnchmen, als die Juden im stebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert.