Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1857)
- Article
- Moses Mendelssohn's Verhältniß zum herzogl. Braunschweig'schen Hofe
- Date
- 1857-12-01
- Page
- 137 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Moses Mendelssohn und der Erbprinz. 137 gezogen, ja in Zweifel gestellt, weil es die damalige, Aufklärung und Jndifferentismuö predigende Zeit nicht begreifenk onnte, daß er ein Mann der Wissenschaft, ein deutscher Plato sein und doch als streng religiöser Jude leben könne, wie Mendelssohn dieses seinen christlichen Brüdern Deutschlands zuerst zeigte. Man hatte an der Wirkltchkeit dieser Erscheinung gczweifelt, seine Zweifel in gesellschaftlichen Kreisen auch wohl hin und wieder laut werden lassen, aber Niemand war doch so verwegen, ihm mit offenem Visier entgegen zu treten. Der Züricher Prediger, der sanaitsche Lavater, konnte es über sich gewinnen, die Ruhe des Mannes zu stören, ihm fiel es in seinem frommen, geistlichen Eifer ein, Mendelssohn zur Widerlegung der Religion aufzufordern, unter deren Bekenner» er als geachteter, dennoch aber nur als geduldeter Jude lebte. Dieser unüberlegte Schritt des schwärmerischen Schweizers, dem sich noch viele unberufene schreibsüchtige Menschen anschloßen, drang ans Herz, raubte dem edlen Weisen die Seelenruhe, die innere Zufriedenhett (?) und warf seinen ohnehin schwächlichen Körper auf's Krankenlager. Alles war gespannt, wie der Jude sich aus dieser Schlinge ziehen würde. Was wird Moses anfangen? Wird er prüsen? Wird er widerlegen? Wird er nicht widerlegen? O, er hatte geprüft, reiflich überlegt und die meisterhafte Widerlegung ließ nicht lange aus sich warten. Sein Antwortsschreiben an Herrn Caspar Lavater übersandte er auch seinem fürstlichen Freunde, dem Erb- Prinzen; ״es war", wie dieser ihm meldete, 10) ״mit dem Glimpf ״und Grad der Menschenliebe geschrieben, welche man im Voraus ״zu erwarten hatte, von einer von göttlichen Wahrheiten so durch- ״drungenen Seele als die seine". Wie alle übrigen Geister Deutschlands war auch der Erbprinz erwartungsvoll aus den Ansgang dieser religiösen Streitigkeit; er wünschte sehr Mendclsohns Betrachtungen über die diesem von Lavater gewidmete Bonnet'sche Schrift zu sehen, aber nie war es ihm eingefallen, den Juden zum Abfall von seiner Religion aufzufordcrn. Diesem aller Frömmelei fernstehenden Fürsten eine solche Zumnthung zuzuschreiben, erscheint uns als eine Versündigung gegen den Geist deS wackern Mannes. ") Moses Mendels sshn's ges. Schr. II!, 1S8.