Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1857)
- Article
- Moses Mendelssohn's Verhältniß zum herzogl. Braunschweig'schen Hofe
- Date
- 1857-12-01
- Page
- 134 (sequence 3)
- Language
- German
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134 Mose« Mendelssohn'« Verhältnis zum Herzog!. Braunschiv. Hofe. ltner jüdischen Philosophen erhalten. Da erschien der Phädon, dieses« für Menschlichkeit, Gesellschaft, Staat und Philosophie so wichtige, Werk, wie Herder sich darüber ausspricht z), in welchem zum erste», Male für einen der wichtigsten Grundpfeiler des menschlichen Seins, in einer faßlichen Weise ein klarer, bis heute noch nicht gänzlich ge-1 stürzter Beweis geführt wurde. Der Phädon wurde Etgenthum der deutschen Nation; Jung und Alt griff nach ihn!; selbst die ge-' bildete Damenwelt ergötzte sich daran; in allen Gegenden Deutsch-' lands — wir schließen natürlich Oesterreich ans, denn dort war ihm I der Einlaß verboten — war dieses Werk und mit ihm zugleich der' Ruf des in bescheidener Zurückgezogenheit lebenden Verfassers verbreitet. Eben dieses Werk war es, welches eine nähere Bekanntschast Mendelssohn's mit dem nur 6 Jahr jüngeren Erbprinzen 2 3) Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig herbeiführte. Der von einem Jerusalem erzogene, jedes wissenschaftliche Streben unterstützende, jedem Verdienst Anerkennung zollende Erbprinz hegte, nachdem er den Phädon gelesen hatte, den sehnlichen Wunsch, den Verfasser einer solchen Schrift persönlich kennen zn lernen. Dieses Verlangen brachte er im Oktober 1769 auf einer Besuchsreise zu seinem königlichen Oheim, dem großen Friedrich, zur Ausführung, er hatte Mendelssohn besucht und eine längere Unterhaltung über — wohl nicht den einige Jahre früher in seiner Residenz gefolterten Juden 4) — das bewunderte Werk mit ihm gepflogen. Die fürstliche Person war über diese neue Bekanntschaft sehr erfreut, und auch der so wenig nach Ehre und Auszeichnung strebende Mendelssohn fühlte sich durch die Ehre gehoben, von einem Prinzen solcher Art ausgesucht zu sein, wie aus einem Briese an ihn deutlich hervorgeht:3) ״Die huldreichen Ausdrückungcn, in welchen Ew. Durch- ״laucht Dero Wohlgefallen an diesem kleinen Traktat (Phädon) 2) Herder'S Lebensbild von G. v. Herder (Erlangen 1846) S. 104. 3) Sonderbarer Weise giebt ihm Hr. Dr. Stern in seiner ״Geschichte des Judeuthums״ (Frankfurt a. M. 1857) S. 68, dm Titel ״Grbgrößhcrzog". 4) Der Jude Joseph Malus aus Weil wurde am 12. Marz 1765 wegen angeschuldigten Diebstahls im Torturgewölbe zu Braunschweig, gepeinigt. Görges, Geschichte und Denkwürdigkeiten von Braunschweig und Hannover, 3. Jahrgang, (Braunschweiz 1845) S. 264. b) Moses Mendelssohns gesammelte Schriften III, 127.