Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1857)
- Article
- Kislew
- Date
- 1857-12-01
- Page
- 116 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Kislew. Treten wir dagegen in den Kreis einer Minorität — dort ist die Sache Alles, muß sie Alles sein; denn wenn ihnen die Sache entschwände, was bliebe ihnen übrig? Nnr in dem geistigen Werth ihrer Sache vermag eine Minorität den gegenwiegenden Ersatz für das zu gewinnen, was ihr an materieller Zahlengröße abgeht; nur in dem lebendigsten Bewußtsein eben dieser ihrer geistigen Bedeutung vermag sie jenes Selbstgefühl sich zu erringen, das zu jeder fpecifischen Fortcxtstenz so nothwcndig ist. Das Dasein der Minorität ist daher wesentlich daran geknüpft, daß sie in allen ihren Gliedern stets den ganzen geistigen Fonds der von ihr vertretenen Sache wach halte, und wie der Leib zu seinem lebendigen Dasein des Athmens bedarf, so muß die Minorität in jedem Augenblick aufs neue sich die frische Begeisterung, den frischen Muth, die ausdauernde Kraft und die im engen und engsten Kreis sich heiter anslebende Energie des Geistes und Herzens ans dem geistigen Born ihrer Sache schöpfen. Ja eben der Gegensatz zur Majorität treibt sie von selbst dazu, immer neu sich in den geistigen Gehalt ihrer Sache zu versenken, sie immer neuer Forschung zu unterziehen, ihren Inhalt nach allen Setten hin immer aufs neue zu verfolgen, sie immer neu in ihren Einzelheiten, wie tu ihrer Gesammtbedeutung sich zum Bewußtsein zu bringen und sich immer neue Antwort auf die alte, sie seit ihrem Auftreten nothwcndig begleitende Frage zu schaffen: warum denn nicht auch zur Fahne der Majorität schworen, warum denn nicht auch dorthin übertreten, wo die Zahl und die Macht und dasnt«־ tericlle Uebergcwtcht glänzt? Nie wird eine Minorität ihre Sache nur zu dem geistigen Standcsgut weniger Eingeweiheten machen wollen, ohne ihre ganze Existenz aufs Spiel zu setzen. Wie sie den geistigen Strom der Erforschung und Erkenntniß bei ihren Gliedern hemmt, giebt sie dieselben dem Absterben und dem welken Hinüberfallen in den Schooß der zu jeder Aufnahme stets bereiten Majorität Haltungslos preis. Zur geistig-wachen Selbsterkenntniß muß sie ihre Glieder erziehen wenn sie die ihrigen bleiben sollen, ein Jeder muß sich selbst sagen können, wofür er etnstebt und wofür er duldet. Und wie den Geist, so vor Allem muß sie den ManncScharakter in Jung und Alt groß zu ziehen verstehen, der nicht nur Wahres zu erkennen, sondern die erkannte Wahrheit um jeden Preis zu erkaufen und um keinen Preis des Himmels, und