Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1857)
- Article
- Kislew
- Date
- 1857-12-01
- Page
- 115 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Minorität. 115 winzige Minorität zu Trägern erkoren, berechtigt zu der Annahme, es müsse die Sache der Wahrheit in dem Schooße einer Minorität sich in ihrer Eristenz und in ihrem endlichen Siege nicht nur nicht gefährdet sehen, vielmehr eben dort Bedingungen ihrer Pflege und Erhaltung finden, deren eine erst zum Kampf und Siege berufene Wahrheit inmitten zahlreicher widerstrebender Elemente so sehr bedarf, die ihr aber im Schooße einer Majorität seltener und jedenfalls in geringerem Maaße zu erwarten stünden. Kurz, wir glauben uns berechtigt, uns nach den günstigen Verhältnissen umzuschauen, die sich eben im Schooße einer Minorität für die sicherere Pflege der Wahrheit als vorhanden darstellen dürften, glauben uns fragen zu dürfen: was liegt in einer Minoritätsstellung Günstiges für die Sache der Wahrheit, die sie trägtd Und da treten uns sogleich zwei der bedeutendsten Momente entgegen: ״In dem Schooße einer Minorität findet die Wahrheit immer 1) treuere Pflege und 2) reinere Träger!" Eine siegreiche Majorität wird zu aller erst ihrer eigenen Sache untreu. Sie hat gesiegt, sie ist die Mehrzahl, ihre Sache ist geborgen, sie ist ihr etwas Abgemachtes, Zncückgelegtes, — Zurückzulegendcs; anderen Bestrebungen, anderen Erkenntniffen mögen fortan Geister und Gcmüther sich zuwenden; die alte Wahrheit, für die so viel gekämpft, so viel gerungen, deren Steg so viel gekostet, steht nun sicher unter dem Palladium einer Majorität; von ihrer wettern geistigen Pflege ist nichts ipehr zu erwarten, sie ist über alle weitere Anfechtung erhaben, die Majorität steht ja für sie ein, und — gtebt sie eben damit selber preis. Die Majorität vergißt, daß sie ihren Sieg nur der Sache verdankt, sie wähnt, die Sache habe nur ihr, nur der Mehrzahl ihren Sieg zu verdanken, es genügt ihr, fortan die Zahl ihrer Anhänger zu erhalten, zu vermehren; der geistige Gehalt der siegreichen Wahrheit wird nicht mehr angebaut, wird vergessen; als Wortschall, als Name steht sie noch auf dem Majoritätspanicr gezeichnet, geht sie noch, als äußere Erkennungs- Parole, von Generation zu Generation; ihr Inneres ist aber hohl oder oft von mißgestalteten Larven ihres Gegenthcils erfüllt; für die Geister nnd Gcmüther ist sie verloren, — ihr Steg hat sie begraben.