Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1857)
- Article
- Die Juden in Rheinbayern
- Date
- 1857-06-01
- Page
- 485 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Juden in Rheinbayem. 485 schworen mußte, keinen Juden im Lande zu dulden. Dagegen waren die Inden in angränzenden und etngeschlossenen geistlichen und Weltliche» Herrschaftsgebieten um so massenhafter auf engen Raum zusammengepreßt. Wo man aber verschiedenartige Volksgruppen äußerlich getrennt nebeneinander hält, da dringen sie nach gegenseitiger Ausbreitung und Ausgleichung, wie warme und kalte Lust, die sich berührt. Fällt die Schranke, dann folgt der zurückgehaltene Theil dem Naturgesetz der Wiederherstellung des Gleichgewichts, und ergießt sich in das geöffnete Land, bis eine annähernd ebenmäßige Ausbreitung hergestellt ist. In unserer Zeit wird fast alle friedliche Volksbewegung bestimmt durch die Arbeit. Um der Religion, um des Namens willen, läßt sich selten mehr Jemand an einem Punkt zurückhallen, der anderswo ein lohnenderes Feld seines Schaffens erblickt. So strömten auch die Juden über die ganze Pfalz, wo ihnen die kleinbäuerlichen und kleinstädtischen Verhältnisse ganz besonders zusagten, und obgleich einzelne weiland kurpfälztsche Aemter noch immer eine minder hohe Zudenziffer haben, als ihre früher anderherrtsche Nachbarschaft, so zählt doch Rheinbayern als Ganzes zu den judenretchsten deutschen Ländern, und dieser Proceß der ausgleichenden Volksstrvmung ist seit der französischen Revolution bis auf diesen Tag in stetigem Fortschreiten begriffen. Die Judenschaft wuchs sogar relativ stärker als die christliche Bevölkerung. Sie hat sich hier in unserem Jahrhundert mehr als verdoppelt, während die Gesammtvolkszahl noch weitaus nicht auf das Doppelte gestiegen ist.-Bei aller Zerstückelung der Glaubensparteien haben die Pfälzer nach langem Kämpfen sich endlich vertragen gelernt. Sic setzen einen besondern Stolz darein, tolerant zu heißen. Im vortgen Jahrhundert gab es auch in pfälzischen Städten noch Judengaffen und Judenviertel, und als damals Dürkheim wieder zur Stadt erhoben wurde, mußten die Juden ihre an der Hauptstraße gelcgenen Häuser den Bürgern gegen einen Abschätzungsprcis überlaffen, und sich, nahe vor dem Thorschluß der alten Zeit, noch einmal in den Nebengassen anbauen. Heutzutage wohnen sie nicht nur unter den Christen, sie liegen wohl gar neben ihnen begraben. Aus dem Kirchhof zu Landau umschließt dieselbe Mauer christliche und jüdt« sche Grabstätten, und nur ein schmaler Fußweg scheidet die Bekenner des alten und neuen Bundes.