Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1857)
- Article
- Brief des Dr. Illowy, Ehrw., an Dr. Lilienthal, Ehrw., Rabbiner zu Cincinnati, aus dem Occident
- Date
- 1857-06-01
- Page
- 473 (sequence 6)
- Language
- German
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aus dem Oceident. 473 schüft treten zurück, und die Wahrheit, die Tochter des lebendigen Gottes, läßt ihre Stimme laut vom Himmel herab vernehmen und spricht zum Gerechten, du hast Recht und zu dem Schuldigen, du hast gefehlt, und dem von ihrem Wege Abtrrenden ruft sie zu: du irrst! Der Gerechte erwiedert: stehe mir Gott so ferner bet, der Schuldige verschließt ihr vielleicht sein Ohr, der Irrende aber wird aufmerksam, kehrt um und bessert sich. Wer darum die Wahrheit liebt und das Rechte will, der schmeichelt Keinem und beurtheilt Alles der Sache gemäß. Darum bitte ich auch dich, mein Freund, du mögest es mir nicht verübeln, es mir nicht als Vergehen anrechnen, wenn ich htemit öffentlich gegen dich austrete und dich öffentlich zurechtweise. Halte deinen Freund nicht für so schlecht, daß eS ihn treibe, seinen Freund hcrabzuwürdtgen. Wahrlich, das nicht! Es ist der Bruch meines Volkes, der mich drückt, der das Herz mir betrübt, und die Sorge im Herzen muß der Mann aussprechen. Hättest du dich gegen mich vergangen, hättest meine Ehre in den Staub getreten, ich hätte dich unter vier Augen zur Rede gestellt, wie es dem Bruder gegen den Bruder geziemt. Du hast dich aber gegen den lebendigen Gott versündigt, hast vor den Augen und zu den Ohren ganz Israels Unterlassung eines der göttlichen Gebote, Uebertretung eines der göttlichen Verbote gepredigt, — da dürfte ich schweigen, wenn ich das Unheil sehe, das über mein Volk hereinbricht, sehe, wie sie das Alte vor dem Neuen verwerfen, und bet jedem Worte der Wahrheit und der Psiicht cntgegenen: Das ist Deraltetes, das behagt uns nicht mehr! Sehe, wie sie alle ״Einer den Andern von dem Joche der göttlichen Herrschaft" befreien, ״und Einer dem Andern die Erlaubntß ertheilen" mit völliger Gewissensruhe und offenem Bekenntntß das Gebot ihres Schöpfers zu übertreten! Da könnte ich an mich halten, könnte es unterlassen, dir öffentlich zu sagen, daß du schändlich an Israel gehandelt, daß das überhaupt nicht der Weg sei, in welchem unsere weisen Vorfahren, gesegneten Andenkens, gewandelt. Sie haben nie ihre Ansicht ausgesprochen, ohne sie zuvor mit größern Weisen oder in der Dtscussion mit ihren Schülern zu besprechen. Du aber warst rasch zum Werke geschritten und hast eilfertig Dinge verbreitet, die wahrlich nicht zu rechtfertigen sind. Ist es denn etwas Geringes, eins der ernstesten Gebote aufzuheben, die unsere Väter übernommen und